Kino / Portraits

"Ich war nicht gerade ein umgänglicher Mensch"

Charlie Hunnam spielt die Hauptrolle in "Die versunkene Stadt Z" (Kinostart: 30. März) und verliert sich im Dschungel

Leichen pflasterten seinen Weg: Als einer der "Sons of Anarchy" ist Charlie Hunnam berühmt geworden. Ein Mann mit starkem Sinn für Familie zwar, aber eben auch ein knüppelharter Biker. Vor dem Interview zu "Die versunkene Stadt Z" (Kinostart: 30. März), dem neuen Film des 36-jährigen Schauspielers aus Newcastle, kriegt man die brutalen "SoA"-Bilder einfach nicht aus dem Kopf. Und dann sitzt da im Berliner Hotel ein charmanter, ausgesucht höflicher und grüblerischer Engländer. Wie der britische Forscher Percy Fawcett, den er im bildgewaltigen Abenteuerepos "Die versunkene Stadt Z" spielt, ist auch Charlie Hunnam auf der Suche. Fawcett wollte Anfang des 20. Jahrhunderts im Dschungel Südamerikas eine verschollene Zivilisation finden. Hunnam sucht 100 Jahre später seinen Platz in einer zivilisierten Welt, die für ihn zum Dschungel wurde.

teleschau: Mr. Hunnam, Ihr Regisseur James Gray hat verraten, dass Sie am Set eine echte "Stimmungskanone" waren ...

Charlie Hunnam: Echt? Das glaube ich nicht. (lacht)

teleschau: Okay, er hat es ironisch gemeint.

Hunnam: Das glaube ich schon eher. Erstens hatte ich nämlich ständig Hunger, und zweitens ging ich ganz in der Bedeutung und Wichtigkeit der Rolle auf. Ich spürte eine fast schon greifbare Verbindung zu Percy Fawcett - und wollte ihm unbedingt gerecht werden. Ich bürdete mir damit eine Menge auf und war dadurch alles andere als locker.

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teleschau: Was genau haben Sie sich denn aufgebürdet?

Hunnam: Wie gesagt, ich wollte Fawcett gerecht werden, die Wahrheit über ihn als Person herausfinden. Zumindest das, was ich für die Wahrheit hielt. Das war, zusammen mit meinem Wissen über das menschliche Befinden in Extremsituationen, ziemlich heftig. Fawcett hat sein ganzes Leben lang Opfer gebracht für seine Überzeugung. Um es kurz zu machen: Die Kombination aus Hunger und übermäßiger Gewissenhaftigkeit machten mich nicht gerade zu einem umgänglichen Menschen.

teleschau: Das würde nicht jeder zugeben ...

Hunnam: Es gibt keinen Grund, um den heißen Brei herumzureden. Manchmal müssen wir einfach tun, was die Rolle verlangt.

teleschau: Wie schwierig war es für Sie, im Dschungel zu drehen?

Hunnam: Schwierig war es nicht wirklich. Ich mag den Dschungel, und ich mag die Herausforderung der Natur. Wir hatten für den Film nicht allzu viel Geld zur Verfügung: Deswegen gab's am Set zum Beispiel immer zu wenig Stühle. Aber im Dschungel kann man sich nicht einfach irgendwo hinsetzen oder sich an einen Baum lehnen. Da wird nämlich plötzlich alles lebendig, weil jedes Krabbeltier ankommt und herausfinden möchte, ob man vielleicht essbar ist.

teleschau: Und dann noch die Moskitos ...

Hunnam: Ach was, ich persönlich habe gar nichts gegen sie, auch wenn sie mich ganz schön zerstachen. Was auch daran lag, dass ich kein Anti-Mücken-Spray benutzte: Ich dachte, es wäre etwas, was Percy Fawcett auch machen würde. Außerdem sind mir da einfach zu viele Chemikalien drin. Allerdings, und das ist einer der merkwürdigen Widersprüche im Leben, rauchte ich jede Menge Zigaretten ...

teleschau: Was wussten Sie eigentlich vor dem Film von Percy Fawcett? Er ist jetzt nicht gerade ein Popstar unter den großen Entdeckern.

Hunnam: Das stimmt. Ich wusste nichts über Percy Fawcett, hatte noch nicht einmal von ihm gehört. Bekanntschaft machte ich erst durch das Drehbuch von James Gray, der sich darin mit Themen beschäftigte, die mich auch in meinem Privatleben betreffen. Was ich am spannendsten fand, war der große Konflikt, auf den Fawcett unweigerlich zusteuern musste: Wenn man etwas Großes erreichen will, sind große Opfer nötig. Fawcett war ein Getriebener seines Schicksals, er verfolgte seine Bestimmung ziemlich egoistisch und nahm dafür in Kauf, sich und seine Familie in soziale und ökonomische Schwierigkeiten zu bringen.

teleschau: Weil Sie gerade sagten, das würde Sie auch privat betreffen: Sind Sie selbst bereit, einen solchen Weg der Selbstzerstörung zu gehen?

Hunnam: Darüber habe ich in letzter Zeit ziemlich häufig nachgedacht. Ich habe viel Zeit und Energie in meine Karriere gesteckt - meine ganz persönliche Obsession. Jetzt habe ich Schwierigkeiten herauszufinden, wie ich eine gesunde Balance zwischen Beruf und Privatleben hinbekomme. Ich erkenne durchaus die Tücken, die ein derartig einseitiges Leben mit sich bringt. Man verpasst die ganze Vielfalt, die das Leben bietet.

teleschau: Bereuen Sie etwa Ihre Berufswahl?

Hunnam: Der Wunsch, Teil der Filmbranche zu werden, entstand in meiner Kindheit, in der ich oftmals nicht glücklich war. Ich war ziemlich einsam, wusste nicht, wo ich hingehöre - erst recht als ich mit 13 in ein kleines Dorf ziehen musste. Anstatt zu versuchen, mich in die neue Umgebung einzugliedern, isolierte ich mich immer mehr. Ich schaute allein auf die Welt, und ich entwickelte das Gefühl, in einer existenziellen Krise zu stecken. Die Gegend, in der ich lebte, war ökonomisch abgehängt. Viele Menschen waren nur damit beschäftigt, irgendwie über die Runden zu kommen. Sie hatten gar keine Möglichkeit, sich mit ihren Träumen und Wünschen für ihr Leben zu beschäftigen.

teleschau: Was Ihnen hingegen gelang ...

Hunnam: Könnte man meinen. Nur: 20 Jahre später ertappe ich mich dabei, diese Träume und Wünsche sehr einseitig zu verfolgen. Mein Gegengift zur existenziellen Krise ist auch nicht gesund: Es hat sie nicht aufgehalten, sondern noch verschlimmert. Mir wird langsam bewusst, dass ich mein ganzes Leben nicht ausschließlich der Karriere widmen kann. Ich mag dann zwar beruflich erfüllt sein, aber ich vernachlässige dafür zu viele andere Aspekte meines Lebens.

teleschau: Haben Sie schon über einen Ausweg aus dem Dilemma nachgedacht?

Hunnam: Ich gönne mir nach "Die versunkene Stadt Z" zum ersten Mal in meiner Karriere eine längere Pause. Freiwillig - und nicht aus Mangel an Angeboten, was auch schon vorkam. Aber die letzten acht, neun Jahre arbeitete ich ohne Unterbrechung. Es wird Zeit, dass ich mir die Zeit nehme, um die Balance zwischen Karriere und Leben zu finden.

teleschau: Wie passen Ihre Ambitionen als Drehbuchautor in diesen Plan?

Hunnam: Sie spielen auf mein Drehbuch über Vlad, den Pfähler an. Das schrieb ich schon vor einer ganzen Weile: Hin und wieder sah es ganz gut aus, dass ein Film daraus wird. Mittlerweile hat meine Dracula-Story aber ziemlich an Biss verloren. Allerdings habe ich noch vier andere Projekte in der Entwicklung: Mir wird immer mehr bewusst, wie persönlich ein Künstler werden muss, wenn er etwas "echtes" machen will. Ohne etwas von dir selbst preiszugeben, haben Figuren und Geschichten keine Relevanz.

teleschau: Sie könnten ja mal einen Selbstfindungstrip an einem abgeschiedenen Ort machen.

Hunnam: Daran dachte ich auch schon. Vor ungefähr sechs oder sieben Jahren wollte ich mich einen Monat in einem chinesischen Kloster zurückziehen: eine Martial-Arts-Schule, in der ich Kraft und Ruhe finden wollte. Damals fühlte ich mich etwas verloren und dachte, verrückt zu werden. Aber drei Tage nachdem ich mich dort angemeldet hatte, bekam ich das Angebot für einen Film, den ich unbedingt machen wollte.

teleschau: Vielleicht können Sie es nachholen ...

Hunnam: Mittlerweile bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob diese Art von Selbsterfahrungstrip meine Zweifel ausräumen könnte. Bei all den Fragen, die ich habe, glaube ich, dass ich einen langsamen, schmerzhaften Lernprozess im Alltag durchmachen muss.

teleschau: Haben Sie schon eine Vorstellung, wie das funktionieren könnte?

Hunnam: Ich würde auf jeden Fall gerne dem täglichen Wahnsinn unserer Gesellschaft entfliehen, dem wir anheim gefallen sind. Meinen inneren Frieden habe ich schon immer am besten in einer ruhigen Umgebung, in der Natur gefunden. Mein Traum ist es - ich weiß nicht, wie realistisch er ist - mir irgendwann ein Stück Land zu kaufen und nachhaltig zu leben. Ich versuchte es sogar schon mal, und meiner Freundin hätte es auch gefallen. Wenn ich sie auf unserer Ranch in Kalifornien nicht ständig alleine mit dem ruhigen Leben gelassen hätte, während ich um die Welt reiste und Filme machte. Irgendwann werden wir das schon zusammen hinbekommen.

teleschau: Sie sind also zuversichtlich, dass Sie mit Kühen und Hühnern umgehen könnten?

Hunnam: Ich würde mich auf Hühner, ein paar Bienenstöcke und einen großen Gemüsegarten konzentrieren. Eine Kuh würde sich bei mir nutzlos fühlen, weil ich keine Milch trinke. Übrigens kenne ich mich mit Landwirtschaft durchaus aus, ich habe in meiner Jugend auf großen Farmen gearbeitet. Aber ich würde es trotzdem eine Nummer kleiner machen.

Andreas Fischer

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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