Kino / Portraits

"Ich bin ein Fachidiot"

Max Riemelt spielt eine Hauptrolle in der Netflix-Serie "Sense8" (Staffel zwei ab 5. Mai)

Schaut man sich Max Riemelt so an, muss man schon stutzen: Dieser junge Kerl soll tatsächlich seit 20 Jahren vor der Kamera stehen? Das diesjährige Schauspiel-Jubiläum kommentiert der einstige Newcomerliebling so, wie man es von ihm seit seinem Durchbruch mit "Napola" (2004) kennt: stoisch, gelassen, demütig. Eben alles nicht der Rede wert. Dabei blickt der 33-Jährige bereits auf eine eindrückliche Karriere zurück - samt großer Mentoren wie Dominik Graf, Auszeichnungen wie dem Grimme-Preis und Drehs auf Englisch. International ist das Gesicht des gebürtigen Ost-Berliners heute eine Marke; spätestens seit der Hauptrolle für die Wachowskis in der Netflix-Serie "Sense8", die nun in die zweite Staffel geht (Start: 5. Mai). Umso überraschender, dass der Vollblutschauspieler sich durchaus vorstellen könnte, andere Pfade zu beschreiten. Welche das sein könnten und wie anstrengend das Darstellerleben bisweilen sein kann, verrät Max Riemelt im Gespräch.

teleschau: Sie waren einer der ersten Deutschen, die für einen Streamingdienst gedreht haben. Wie hat sich die Unterhaltungslandschaft aus Ihrer Sicht verändert?

Max Riemelt: Das hat wohl nicht nur mit den Streamingdiensten zu tun, sondern auch mit den Erzählweisen. Neues und Innovatives will man immer sehen. Etwas, mit dem man sich identifizieren kann; aber auch Blicke auf andere Realitäten - wie in "Sense8". Derlei Figuren kann man nur durch eine Serienstruktur schaffen. Wenn man das per Stream dann jederzeit schauen kann - dann ist das eine große Innovation.

teleschau: Bewerten Sie diese Entwicklung positiv?

Riemelt: Einerseits ist es eine logische Konsequenz des Fortschritts. Andererseits wird es für den Zuschauer immer schwerer, sich zu entscheiden: Wer früher ein Buch las, wird das auch heute noch tun. Daher glaube ich, dass auch TV und Kino gefragt bleiben werden. Wenn etwas in einem einzigen Moment läuft, man diesen gemeinsam vorbereitet und erlebt, besitzt das eine andere Qualität.

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teleschau: Wie erleben Sie die mediale Veränderung als Schauspieler?

Riemelt: Ich hatte einfach Glück, in so einer tollen Produktion zu landen. Es ist schön, in solch aufregenden Zeiten so eine Arbeit machen zu dürfen. Ich benutze dafür ruhig mal das Wort "Gönner".

teleschau: Wen meinen Sie damit?

Riemelt: Netflix. Die haben den Wachowskis für "Sense8" im Grunde eine Carte Blanche gegeben - das zu erzählen, was sie ursprünglich und ultimativ erzählen wollten. Mit so einer Unterstützung und so viel Geld so eine kompromisslose Sache zu schaffen - das gibt es selten.

teleschau: Merkten Sie diese künstlerische Freiheit auch als Darsteller?

Riemelt: Sicher: Die beiden sind Autoren ihres eigenen Filmstoffes - das ist das ein andauernder kreativer Prozess, in dem laufend etwas verändert wird. Und in den ich mich auch selbst einbringen konnte.

teleschau: Wie sah das konkret aus?

Riemelt: Wir haben uns persönlich gut verstanden. Deshalb ließen sich die Wachowskis von mir inspirieren, von meiner Person, meinen Fähigkeiten. Ich musste mich kaum vorbereiten und verbiegen, weil es meist um Dinge ging, die mir ohnehin liegen. Dadurch wirkte meine Rolle um einiges organischer.

teleschau: Brachten Sie sich bei den Drehs in Berlin auch als gebürtiger Berliner ein?

Riemelt: Klar, Lana Wachowski führte diesmal Regie - und war total interessiert. An der Stadt, an der Architektur. Als Berliner konnte ich ihr darüber hinaus andere Menschen und Orte vorstellen. Diese Gastgeberrolle machte Spaß.

teleschau: Stimmt es, dass Sie mit der Crew im berüchtigten Club Berghain feiern waren?

Riemelt: Ja, da waren wir! Es war toll, nicht nur miteinander zu arbeiten, sondern auch gemeinsam Dinge zu erleben. Auch weil Lana so unglaublich viel weiß und sehr belesen ist. Wir sind in den vergangenen Jahren Freunde geworden, verstehen uns richtig gut.

teleschau: Gab es Unterschiede zur ersten Staffel, in der Tom Tykwer die Regie der Berlin-Episoden übernahm?

Riemelt: Zunächst die Sprache. Da gab es bei Tom einen direkteren Zugang, da man die Dinge genauer erklären konnte. Mit ihm verstand ich mich ebenfalls sehr gut - doch er besitzt eine andere Bildsprache. Lana und ich haben uns das erarbeitet. Da musste sie nicht mehr viel erklären - ich wusste, was sie sich vorstellt.

teleschau: Etwa die kosmopolitische Vision von "Sense8", die aktuell ja wichtiger denn je scheint, über Identität und Zusammenhalt. Spielte das beim Dreh eine Rolle?

Riemelt: Das war ständiges Thema! Dass Leute unterdrückt werden; auch von ihren 'eigenen' Leuten. Dass es real ist, und nicht nur ausgedachtes Hirngespinst: Menschen kategorisieren, ignorieren und distanzieren sich. Dem wollen wir mit der Show entgegenwirken, indem wir differenzieren, ohne die Moralkeule zu schwingen. Es soll stimulieren, provozieren. Mut machen und dazu anregen, sich wieder empathisch miteinander zu verbinden.

teleschau: Was gibt "Sense8" unterdrückten Menschen mit?

Riemelt: Dass es auch andere gibt, mit denen man die Erfahrung teilen kann. Mit "Sense8" wollen wir einen Optimismus vermitteln; Identifikationsmöglichkeiten bieten, um Hoffnung zu schöpfen. Auch wenn die Umstände schwierig sind. Dass man seinen eigenen Weg findet, ohne gesellschaftlichen Idealen hinterherzuhetzen. In der Serie kann sich jeder Zuschauer etwas davon heraussuchen, ohne dass der eine richtige Weg vorgeschrieben wäre.

teleschau: Die zahlreichen Wege werden in der Serie durch Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen weltweit symbolisiert. Mussten Sie dafür viel reisen?

Riemelt: Wir haben auf der ganzen Welt gedreht. Schon ganz schön heftig. Die ganzen Flüge; aber auch das Warten. Das war nicht nur Spaß, manchmal gab es schwierige Situationen. Diese Ungewissheit, aber auch extreme Temperaturen. Je nachdem, was man gerade mit sich zu tun hat, kommt einem das entgegen - oder ist ziemlich anstrengend.

teleschau: Wo hatten Sie am meisten zu kämpfen?

Riemelt: Ich weiß noch, wie ich in Südkorea saß, bei über 40 Grad und fast 100 Prozent Luftfeuchtigkeit, und mir dachte: Was mach' ich hier? Das war ein logistischer Albtraum. Wenn man überall an Originalschauplätzen drehen will, ohne Greenscreen, dann reist da ein ganzer Tross - und jeder will informiert sein. Das geht eben manchmal nicht, so eine Informationskette hat bestimmte Grenzen. Dann sagt man lieber gar nichts.

teleschau: Wenn Sie es sich aussuchen könnten also lieber vor der Haustür mit Greenscreen?

Riemelt: Nee, ich denke, jede Erfahrung ist eine gute Erfahrung. Es darf auch mal hart und anstrengend sein. Ich will auch nicht immer nur ein "glücklich, happy, alles schön". Sondern etwas beigetragen haben, in dem Wissen: Ich bin an meine Grenzen gegangen, hab Dinge gemacht, die ich vielleicht erst mal nicht verstanden habe. Man muss schon akzeptieren, zulassen. In so einer Hierarchie sollte es eine Person geben, die eine klare Vision hat. Dem müssen sich dann manche Dinge unterordnen.

teleschau: Bislang haben Sie davon sehr profitiert - international geht es weiter aufwärts ...

Riemelt: Ich will mir nicht anmaßen zu sagen, das sei jetzt der Durchbruch. Ich traf einfach zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute. Mit all den Umständen bin ich gerade ziemlich glücklich - aber ob sich das so fortführen wird? Das ist immer ein kleines Glücksspiel.

teleschau: Sie bekommen doch sicher zahlreiche Anfragen aus dem Ausland?

Riemelt: Die kommen schon. Aber ich will genauer schauen, wie ich arbeiten möchte; wie ich mich als Schauspieler definiere. Nicht nur Projekte machen unter der Prämisse: "Das macht Sinn", sondern auch: "Darauf hab ich richtig Bock". Ich bin nicht sicher, ob der Zeitpunkt kommt, an dem mir das egal ist; an dem ich um jeden Preis alles mache. Wer weiß wie es ist, wenn die Auftragslage schlechter ist.

teleschau: Immerhin können Sie mit nur 33 bereits auf 20 Jahre Filmkarriere zurückblicken ?

Riemelt: Ja - manchmal empfinde ich es aber auch als schade, dass ich nichts anderes ausprobiert habe. Ich bin ein Fachidiot. Mit Film kenne ich mich ganz gut aus; hab aber noch nie Theater gemacht, noch nie in einem anderen Job gearbeitet, und habe auch keine richtige Ausbildung. Da frage ich mich schon manchmal: Was reizt mich denn noch so?

teleschau: Was reizt Sie denn?

Riemelt: Ich würde mir gern mal Zeit nehmen, um das zu ergründen. Vielleicht etwas Eigenes machen. Bislang diente ich vor allem als Werkzeug für die Leute, die ihre Visionen verwirklichen wollen. Möglich, dass ich mal meine eigenen Visionen umsetzen will. Das muss nicht unbedingt im Film sein.

teleschau: Sondern?

Riemelt: Irgendwas mit den Händen vielleicht, irgendetwas bauen. Etwas Konkretes für mich schaffen; mit direktem Ergebnis. Das ist etwas anderes, als ein Jahr später über etwas zu reden, das andere schufen, von dem ich nur ein Teil bin.

Maximilian Haase

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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