Kino / Portraits

"Man muss die Vielfalt aushalten können"

Fahri Yardim spricht den Waschbären Rocket in "Guardians of the Galaxy Vol. 2" (Kinostart: 27.4.)

Im Straßenverkehr sollte man Fahri Yardim (Jahrgang 1980) besser nicht reizen. Dann verliert der "eigentlich höfliche" Autofahrer (Selbsteinschätzung) schnell mal die Contenance und lässt den "Rocket" in sich heraus - jenen pelzigen Bombenbastler, der bei den "Guardians Of The Galaxy" für die cholerischen Momente und den Wahnwitz zuständig ist. Fahri Yardim leiht dem kosmischen Waschbären auch im zweiten Teil des Marvel-Hits (Kinostart: 27.4.) die Stimme. Im Gespräch verrät der Schauspieler ("Almanya", Til-Schweiger-"Tatorte"), wie viel er mit seinem haarigen Kumpel gemein hat und warum die reale Welt mehr Guardians gebrauchen könnte. Vor dem Interview-Termin in Berlin hätte sich Fahri Yardim dennoch am liebsten gedrückt, weil er zur Zeit einfach viel zu gerne zu Hause ist: Fahri Yardim ist vor kurzem Vater geworden.

teleschau: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen in dieser aufregenden Zeit.

Fahri Yardim: Eine besondere Zeit, keine Frage, aber sie lässt solche Termine auch sehr lässig erscheinen. Außerdem ist es ein guter Ausflug raus aus der Verantwortung. Vatersein ist gleichzeitig ein Höhenflug und ziemliches Boden beackern. Diese Gleichzeitigkeit fasziniert mich: Einerseits schwebe ich schwer verknallt durch alle Himmel und andererseits bin ich sehr weltlich gefordert.

teleschau: Und trotzdem müssen Sie arbeiten und sich über einen Waschbären unterhalten ...

Yardim: So ist das nun mal, obwohl Rocket wahrscheinlich sehr beleidigt wäre, wenn Sie ihn Waschbären nennen.

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teleschau: Was ist er denn für ein Tier?

Yardim: Er ist ein Waschbär. Aber er weiß es nicht. Oder will es nicht wahrhaben. Er hält sich offensichtlich für einen Braunbären.

teleschau: Den Größenwahn trägt Rocket auf jeden Fall in sich.

Yardim: Größenwahn weiß ich nicht. Für mich ist das eher so ein "Kleiner-Mann-Syndrom". Aber ich mag ihn und habe ihn auch ein bisschen vermisst. Es lag dann doch ein ziemlich langer Zeitraum zwischen den Filmen. Es hat mich auf jeden Fall sehr gefreut, mich wieder in seinen Pelz zu werfen. Obwohl ich ein bisschen Schiss hatte, ob ich ihn gleich wieder einfangen kann, den kleinen, miesen Hüpfer.

teleschau: Wie lange hat es gedauert?

Yardim: Es ging ziemlich schnell. Ist schon ein feiner Bengel, dieser Rocket. Bei all seinen Minderwertigkeitskomplexen, hängt er mir sehr am Herzen. Ich glaube, dass wohl jeder einen Rocket in sich trägt.

teleschau: Er ist ein ziemlich zorniger Bursche: Wie äußert er sich denn bei Ihnen?

Yardim: Im Freudschen Schema wäre Rocket das ES und vertritt den ungefilterten Affekt. Aber manche Sachen müssen eben raus. Im Straßenverkehr, beim Fußball gucken oder wenn ich mir die Kommentarspalten bei "Focus Online" anschaue. In Rocket steckt aber beileibe nicht nur Zornigkeit, sondern auch ein gewisser Weltschmerz. Und wenn dann jemand seine Geldgier über Menschenleben stellt und versucht, den Bus von Borussia Dortmund in die Luft zu sprengen, dann meldet sich der Rocket in mir und wird ziemlich wütend.

teleschau: Das ist ja in diesem Fall auch völlig verständlich.

Yardim: Im Straßenverkehr muss ich allerdings etwas aufpassen, dass ich nicht zu viel schreie.

teleschau: Haben Sie etwa ein Aggressivitätsproblem im Auto?

Yardim: Ich bin jedenfalls anfällig. Da werden Knöpfe in mir gedrückt - völlig irrational, völlig ohne Sinn. Ich bin eigentlich ein sehr höflicher Fahrer, im Sinne von: Ich lasse Leute vor und bin rücksichtsvoll. Aber wenn jemand doof oder egoistisch ist, dann habe ich das starke Bedürfnis, neben ihm zu fahren und mir das Gesicht anzuschauen. Zugegeben, eine seltsame Angewohnheit.

teleschau: Zum Glück zeigt Rocket in "Guardians Of The Galaxy Vol. 2" auch seine sensiblen und verletzlichen Seiten. Überhaupt ist der Film nicht mehr nur klamaukig, sondern behandelt auch Themen wie Familie und Väter, fragt nach dem Wesen des Heldentums ...

Yardim: ... und dem Zusammenhalt völlig unterschiedlicher Typen. Damit trifft er den Zeitgeist, in einer Welt, die sich so bemüht, auseinanderzurücken. Wo die Spaltung vorangetrieben wird, von radikalen und gekränkten Typen. Da zeigen einem die Guardians, was Zusammenhalt sein kann. Trotz ihrer Unterschiedlichkeit und ihren Minderwertigkeitskomplexen bilden sie eine starke Gemeinschaft. Neben der Unterhaltung steckt viel Liebe im Film. Die Guardians leben bei all ihren Schwierigkeiten vor, wie es gehen könnte: was Solidarität ist, was Freundschaft ist.

teleschau: Wie erleben Sie denn Solidarität und Zusammenhalt selbst?

Yardim: Im Freundeskreis und in der Familie ganz wunderbar. Und ich kenne es aus den Großstädten, denen ja immer eine ungesunde Individualisierung nachgesagt wird. Ich kenne tolle Lebensentwürfe, tolle Milieus, die Gemeinschaft vorleben. Ich selbst bin Berliner mit Hamburgischem Migrationshintergrund, Trennungskind, habe wohl was auch immer "Deutsches" und was "Türkisches" in mir, bin St. Pauli-Fan und HSV-Sympathisant.

teleschau: Oha!

Yardim: Das ist in der Tat selten. Und auch sehr gefährlich. Ich stehe auf meine Ambivalenzen und inneren Kontraste. Vielfalt ist eine treibende Kraft in meinem Leben. Die Guardians verkörpern genau das: Es gibt keine glorreiche Heldenfigur, die alles rettet und hinter der man sich hoffend verstecken kann. Nein, das ist eine Truppe echter Alltagshelden.

teleschau: Und trotzdem ist "Guardians Of The Galaxy Vol. 2" auch ein Blockbuster, mit dem Geld verdient werden soll. Was halten Sie denn als Künstler von der Fortsetzungs-, Franchise-, Spin-Off- und Prequel-Kultur, die allenthalben beklagt wird?

Yardim: Auch da bin ich zwiegespalten. Aber ich finde es mühselig, diese Diskussion erst im Kino zu beginnen. Da müsste man über die Strukturen der Gesellschaft sprechen, über unser Wirtschaftssystem. Ich kann doch niemandem vorwerfen, wirtschaftlichen Erfolg auszukosten. Wenn etwas funktioniert und gesehen wird, warum soll man es dann nicht weitermachen? Wenn es stimmen würde, dass Autorenfilme unter dem Blockbuster-Kino leiden, wenn kleine Experimentalfilme völlig verschwunden wären, dann würde ich mir auch Sorgen machen. Aber in meiner Wahrnehmung existiert beides.

teleschau: Sie machen sich also keine Sorgen um die Zukunft des Kinos?

Yardim: Ich finde, es gibt immer noch eine blühende und vielfältige Filmlandschaft. Man muss doch nicht immer in den Tenor einstimmen, dass alles den Bach runtergeht. Mich interessiert eigentlich nur, ob ein Film gut ist oder nicht. Ob er zu einer Franchise gehört, ist mir egal. Die muss man nicht immer madig reden. Dieses Geheule ist mir zu langweilig. Wenn man einem guten Film die Berechtigung abspricht, kommt nur wieder Rocket in mir hoch. Man muss die Vielfalt auch aushalten können. Wir sehnen uns zu oft nach Einfachheit und Eindeutigkeiten.

Andreas Fischer

Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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