Kino / Portraits

Ein gesichtsloser Meister

Andy Serkis spielt die Hauptrolle im Sequel "Planet der Affen: Survival" (Start: 3.8.)

Womöglich liegt es ja daran, dass man ihn kaum wirklich zu Gesicht bekommt: Andy Serkis, bekannt geworden als Gollum in "Herr der Ringe" und seitdem so etwas wie der erste Superstar des CGI-Zeitalters, legt keinerlei Allüren an den Tag. Weilte überhaupt je einst ein so angenehm bescheidener Promi in den Edelsesseln eines Berliner Luxushotels? Beim Gespräch über seinen neuen Film gibt sich der 53-Jährige als humorvoller Familienvater - und überaus demütig angesichts seines Erfolgs: Während er in "Planet der Affen: Survival" (Start: 3.8.) zum dritten Mal unter beeindruckendem Körpereinsatz als Hauptfigur Caesar auftritt, stehen mit der selbst produzierten Adaption des "Jungle Book" und dem Realfilm-Drama "Solange ich atme" (Start: 21.12.) gleich zwei Regie-Debüts des sympathischen Briten an. Was macht das aus einem, dessen Gesicht immer zu sehen und dennoch fast unbekannt ist?

teleschau: Keiner kennt sich im Spielen digitaler Charaktere besser aus als Sie. Haben Sie sich als Schauspieler dadurch im Laufe der Jahre, seit Gollum, verändert?

Andy Serkis: Nach "Herr der Ringe" dachte ich, nun geht es für mich zurück ins Fernsehen und ans Theater. Doch dann kam "King Kong". Für mich war das eine Art Schock. Denn es bedeutete, dass ein Schauspieler im Grunde alles und jeden spielen kann. Dass dies das Ende des typenbasierten Castings sein könnte, dass man als Charakter eben nicht so aussehen muss, wie man aussieht.

teleschau: Rührt daher ihre Faszination für die CGI?

Serkis: Ja, deshalb blieb ich dran! Ich entwickelte eine Leidenschaft für die Technologie, die sich natürlich immer weiterentwickelt. Heute haben wir viel mehr Storys, die sich der CGI bedienen können. Es brauchte jemanden, der das vorwärts bringt.

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teleschau: Sehen Sie sich deshalb als Pionier, als ersten Superstar dieses neuen Typs der Schauspielerei - etwa wie die ersten Tonfilm-Darsteller?

Serkis: Es benötigte sicher einen Vorkämpfer, einen Meister. Andererseits glaube ich nicht, dass sich mein Tun von der normalen Schauspielerei unterscheidet. Es handelt sich nicht um einen speziellen Schauspiel-Typ. Aber ja: Jemand musste in Sachen Kreativität voranschreiten. Die Leidenschaft dafür besitze ich.

teleschau: Gründeten Sie aus dieser Leidenschaft heraus Ihre eigene CGI-Produktionsfirma?

Serkis: Als ich erstmals inszenieren sollte, für ein Videospiel, merkte ich, dass man das nirgendwo in Großbritannien machen kann. Wir mussten dafür nach Neuseeland! Das ist doch verrückt: Die Kameras stammen aus England, aber wir reisen 26.000 Meilen um den Globus. Also musste ich ein digitales Studio, eine Art Hafen für digitale Charaktere, erschaffen. Das wurde zunächst zu einem Service-Studio, unter anderem für "Hulk" und "Star Wars". Später folgten eigene Projekte - Videospiele wie auch Filme.

teleschau: Wie soll die Zukunft der CGI und Ihres Studios aussehen?

Serkis: Vielleicht sind wir ja in 20 Jahren, nach gemeinsamer Erfahrung zwischen Filme- und Videospielemachern, in der Lage, etwas gänzlich Neues zu schaffen. Eine Frage könnte lauten: Wie können wir das Cineastische mit der virtuellen Realität zusammenbringen?

teleschau: Glauben Sie eigentlich, dass man dank CGI bald auch mit den Hüllen verstorbener Schauspieler Filme drehen wird?

Serkis: Kommt darauf an. Es gab ja bereits digitale Bühnenperformances von 2Pac und Michael Jackson. Digitale Wiederauferstehung, wie es in der Industrie genannt wird, ist natürlich möglich. Ein Schauspieler könnte als Humphrey Bogart in einem Film spielen. Aber ich finde: Nur wenn es dafür einen guten Grund gibt, ein Ziel. Interessanter sind doch die Re-Kreationen echter Persönlichkeiten wie Albert Einstein.

teleschau: In "Planet der Affen: Survival" kann man den aktuellen CGI-Stand bereits eindrücklich bewundern. Sie spielen darin zum dritten Mal den Affen Caesar - ist er inzwischen Ihr Lieblingscharakter?

Serkis: Ich liebe Caesar! Es ist der größte Traum eines Schauspielers, einen Charakter durch sein ganzes Leben zu begleiten, ihn von seiner Geburt an zu spielen. Wir starteten mit dem jungen, unschuldigen Schimpansen, der schließlich zum empathischen Revolutionsführer wurde. Meine Kinder wuchsen mit ihm auf!

teleschau: Ist es denn schwer, nach Monaten in der Affenrolle wieder in die Menschenrolle zu finden?

Serkis: Manchmal laufe ich komisch oder bewege mich beim Spielen mit den Kids wie ein Affe. Ab und zu schaue ich auch meine Hände an und denke, es sind Schimpansenhände! (lacht)

teleschau: Blicken Sie nach "Planet der Affen" und "King Kong" anders auf reale Affen?

Serkis: Ich studierte Gorillas in den Zoos, beobachtete sie, verbrachte viel Zeit mit ihnen. Erst da realisierte ich, wie einzigartig jeder von ihnen ist, wie viel Charakter sie besitzen. Wir waren in Ruanda mit einer Gruppe von 23 Gorillas unterwegs, da gab es alles: den Patriarchen, die Mutterfigur, die Planer, spielende Kinder und streitende Teenager. Ich sehe sie nicht mehr als Affen, sondern als empathische Individuen mit Persönlichkeit. Fähig zu Grausamkeiten zwar, aber nicht so wie die Menschen.

teleschau: Wie unterscheiden sich die Affen im Film von realen Affen?

Serkis: Wir redeten mit Wissenschaftlern, die sich die Filme anschauten, etwa mit Jane Goodall, die Zufluchtsorte für Schimpansen schuf und mit ihnen zusammenlebte. Sie mag die Filme, hält sie für sehr wichtig, um Menschen die Kultur des Affen näherzubringen. Aber natürlich unterscheiden sich die Filmaffen von ihren echten Affen: Die Physiognomie ist anders, die Gesichtsstruktur. Die Augen etwa würde man bei einem Affen nie finden, es sind im Grunde meine!

teleschau: Im neuen Film nähern sich die Affen den Menschen weiter an. Mussten Sie dafür überhaupt noch Affen studieren?

Serkis: Das war nicht mehr notwendig. Unsere Affen fühlen sich real an, sie sind aber fortgeschritten, tragen das Menschliche in sich. Das ist Teil der Allegorie des Films. Also schöpfte ich mehr aus meinem Leben, meinen Erfahrungen, aus den Enttäuschungen, durch die ich gehen musste. Das war hart; nicht nur physisch, sondern auch emotional sehr herausfordernd. Ich ging während des Drehs persönlich durch eine schwere Zeit des Verlustes und der Trauer. An den Dreh erinnere ich mich als eine recht recht dunkle Phase. Das alles fließt mit ein. Selbstverständlich auch mein Leben als Vater - schließlich handelt es sich um eine Vater-Sohn-Geschichte.

teleschau: Sie haben drei Kinder mit Ihrer Frau Lorraine Ashbourne - wie organisieren Sie Ihr turbulentes Leben in der Filmbranche mit der Familie?

Serkis: Meine Frau ist ebenfalls Schauspielerin - und unsere drei Kids beginnen auch alle mit der Schauspielerei. Die Situation ist also kompliziert (lacht). Aber die drei wuchsen mit diesem Leben auf. Sie kamen für "King Kong" nach Neuseeland mit, reisten um die Welt - ich versuchte die Kinder so sehr es ging, in dieses Leben einzubeziehen. In den letzten Jahren war ich allerdings oft weg von ihnen, schließlich haben sie nun auch ihr eigenes Leben und Freunde.

teleschau: Können Sie die Zeit mit der Familie nun freier bestimmen, da sie selbst Produzieren und Regie führen?

Serkis: Wahrscheinlich eher noch weniger! Einen Film der Größe eines "Jungle Book" zu inszenieren, ist ein gewaltiges Vorhaben. Aber meine Frau und meine Kinder zeigen sehr viel Verständnis - sie sind ja selbst im Business. Deshalb finden wir Lösungen, damit es funktioniert.

teleschau: Neben dem "Jungle Book" drehen sie als Regisseur auch Ihren ersten Realfilm "Solange ich atme", der auf persönlichen Erlebnissen basiert ...

Serkis: Ja, das Liebesdrama erzählt die Geschichte der Eltern meines Geschäftspartners. Sein Vater erkrankte in den 50-ern an Polio und war von da an komplett gelähmt, verfiel in Depressionen. Doch seine Frau blieb bei ihm, liebte ihn weiter. Und holte ihn aus dem Krankenhaus. Er war die erste Person, die mit einem Beatmungsgerät zu Hause lebte, immer zwei Minuten vom Tod entfernt. Aber es ist kein sentimentaler Film über Behinderungen, sondern ein sehr witziger.

teleschau: Ebenfalls ein Film über die Grenzen des Menschseins also ...

Serkis: Ja, auch der Vater meines Kollegen war ein Pionier. Einer, der vielen anderen damit half.

teleschau: Würden Sie das auch als Ihr Ideal bezeichnen?

Serkis: Als ich mit der Schauspielerei begann, hatte ich viel Glück. Mein erster Regisseur glaubte, Kunst könne die Gesellschaft verändern. Nicht viele Schauspieler fangen mit diesem Kerngedanken an. Es gibt viele, die nicht wissen, warum sie schauspielern oder wofür. An einen Grund zu glauben für das was man tut, hilft beim Fokussieren. Es ist fantastisch, für ein so großes Publikum etwas zu spielen, das Bedeutung und Botschaften besitzt.

teleschau: "Planet der Affen" besitzt viele Anspielungen politischer Natur. Sind diese von der aktuellen Lage oder historischen Begebenheiten inspiriert?

Serkis: Es hat damit natürlich viel zu tun. Dennoch: Die Lager im Film sind nicht die deutschen KZs, die Mauer ist nicht Trumps Mauer und die Flüchtlinge nicht die syrischen Flüchtlinge. Schaut man den Film in zehn Jahren an, wird man sie mit anderen Realitäten assoziieren. Das ist das Geniale an Parabeln und SciFi-Filmen: Sie können immer mit dem Zeitgeist verknüpft werden - nicht nur in diesem Moment.

teleschau: Glauben Sie, dass derlei Botschaften auch im Hollywood-Popcornkino dieser Tage wichtiger denn je sind?

Serkis: Definitiv. Das ist es, was wir tun müssen. Nur so können die Menschen auf der Basis von Entertainment wirklich zuhören. Wir müssen unsere Ohren vor dem derzeitigen Lärm verschließen - er macht uns taub.

Maximilian Haase

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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