Kino / Portraits

"Sind das alles schlechte Menschen?"

Rosalie Thomass ist das Gesicht der Serie "Lobbyistin" (ab Mittwoch, 15.11., 21.45 Uhr, ZDFneo)

Die junge Politikerin Eva Blumenthal verliert durch eine Intrige ihr Bundestagsmandat und bekommt ein verlockendes Jobangebot von einer Lobbyagentur. Dort lernt sie, wie hinter demokratischen Kulissen eigentlich Politik gemacht wird. In der sechsteiligen ZDFneo-Serie "Lobbyistin" (ab Mittwoch, 15. November, 21.45 Uhr) spielt Rosalie Thomass eine Heldin, mit der man sich nur bedingt identifizieren mag. Sie erzählt von klugen Menschen, die es schaffen, unmoralische Dinge zu tun. Einfach, weil es ihr Auftraggeber so will. Sind Lobbyisten einfach nur böse? Die 30-jährige Schauspielerin Rosalie Thomass ("Grüße aus Fukushima"), seit 2016 Mutter eines Sohnes, über eine Rolle, die ihr nicht immer leicht fiel.

teleschau: Eine Serie über Lobbyismus - bekommt man davon nicht schlechte Laune?

Rosalie Thomass: Nein, wieso? Für mich ist es erst mal eine Serie mit einem sperrigen Charakter als Hauptfigur. Das ist es, was mich interessierte. Wie sich diese junge, engagierte, aber eben auch sehr ehrgeizige Politikerin nach ihrem Seitenwechsel in der Polit-PR-Branche bewegt, finde ich sehr spannend.

teleschau: Weil Lobbyismus ein schmutziges Geschäft ist, das den Charakter verdirbt?

Rosalie Thomass: Es ist zumindest eine Branche mit schlechtem Ruf. Im Prinzip wird dort nichts anderes gemacht als in jedem anderen Zweig der PR. Man versucht, seine Themen und Interessen zielgerichtet in der öffentlichen Wahrnehmung zu platzieren. Trotzdem hat fast jeder eine schlechte Meinung von politischem Lobbyismus - was das Ganze als Umfeld, in dem sich die Serie bewegt, besonders reizvoll macht.

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teleschau: Warum empfinden wir Lobbyismus als abstoßend?

Rosalie Thomass: Weil er uns mit uns immer wieder mit uns selbst konfrontiert, sobald wir uns in dieses Geschäft hineindenken. Man gerät ständig in moralische Dilemmata. In der Serie werden Lobbyismus-Projekte aus der realen Politik aufgegriffen. Da ist zum Beispiel der Auftrag, dafür zu sorgen, dass die Zutaten für Kindernahrung nicht auf der Vorderseite, sondern nur klein auf der Rückseite einer Verpackung abgedruckt werden müssen. Spätestens, wenn man selbst Mutter ist, fragt man sich: Könnte und würde ich in diese Art Lobby-Arbeit machen? Und wenn ja, wie kann ich das vor mir verantworten? Die Figuren unserer Serie sehen sich ständig mit diesen Fragen konfrontiert.

teleschau: Und warum macht man das dann? Haben Sie eine Antwort gefunden?

Rosalie Thomass: Ich kann die Antwort nur für meine Figur geben. Privat empfände ich diese Arbeit als ziemlich aufreibend und selbstzerstörerisch. Für mich würde sich die Frage stellen: Wie kann ich mit all meiner Kraft und Energie für etwas eintreten, das ich absolut falsch finde? Das muss aber nicht jedem so gehen.

teleschau: Warum macht Ihre Figur diesen Job, nachdem sie anfangs als idealistische, aufstrebende Politikerin zu sehen ist?

Rosalie Thomass: Sie wird Opfer einer Intrige und muss ihr Mandat niederlegen. In der Lobby-Agentur will sie den Ursprung der Intrige finden. Die tiefere Antwort ist jedoch in ihrer Verführbarkeit, ihrem Narzissmus zu finden. Sie ist relativ jung in der Politik bereits weit gekommen. Sie besitzt Talent und kann bestimmte Dinge einfach sehr gut. Diese Talente, wozu sicher auch die Fähigkeit zählt, andere zu manipulieren, lassen sich in der Lobby-Arbeit bestens entfalten. Der Rausch des Erfolgs führt dazu, dass sie zeitweise über das moralische Dilemma hinwegsieht. Ich kann mir vorstellen, dass einige Menschen in zweifelhaften Jobs so funktionieren.

teleschau: Wie dicht sind die im Drehbuch behandelten Lobbyismus-Projekte an der politischen Realität dran?

Rosalie Thomass: Ziemlich dicht, denke ich. Die Autoren Sven Nagel und Mika Kallwass haben sehr genau recherchiert. Zum Teil haben wir die Dialoge beim Dreh noch an tagespolitische Entwicklungen angepasst und verändert. Insofern ist es gut und wichtig, dass die Serie direkt nach ihrer Fertigstellung schnell gesendet wird. Weil wir viele aktuelle politische Themen verhandeln, bei denen Lobby-Arbeit - wie bei fast allen Themen - eine Rolle spielt.

teleschau: Auf jeden Bundestagsabgeordneten in Berlin kommen etwa acht Lobbyisten. Insgesamt sind es etwa 5.000. Sind das alles schlechte Menschen?

Rosalie Thomass: Ich würde es so nicht sagen. Allein schon deshalb, weil es auch jene Politikberater gibt, die für - in meinen Augen - gute Dinge kämpfen. Für Menschenrechte und Umweltschutz beispielsweise. Nicht alle arbeiten für Waffenhersteller, die Autoindustrie oder Produzenten gesundheitsschädlicher Lebensmittel. Wie jene Leute, die das tun, ihre Arbeit verantworten, weiß ich nicht. Ich möchte niemanden vorverurteilen, den ich nicht kenne und dessen Arbeit ich nicht komplett durchblicke. Ich weiß nur, dass ich selbst nicht in den Spiegel blicken könnte, mich und andere auch nicht lieben könnte, wenn ich Dinge täte, die ganz offensichtlich Menschen Schaden zufügen.

teleschau: Was wunderte Sie am meisten, als Sie sich für Ihre Rolle mit Lobbyismus beschäftigten?

Rosalie Thomass: Dass das alles so wie es ist erlaubt ist. Lobbyisten tarnen sich zwar, indem sie den Begriff Lobbyismus nicht in den Mund nehmen. Sie nennen sich zum Beispiel Politberater. Dennoch verwundert es mich, dass diese Art von Einflussnahme hochoffiziell erlaubt ist. Etwa 900 Lobbyisten haben Hausausweise, die sie berechtigen, das Bundestagsgebäude zu betreten, wann immer sie wollen. Es ist mir als idealistischem, ja, vielleicht naiven Menschen absolut schleierhaft, warum Politik, die dem Menschen dienen soll, so organisiert wird, dass die Industrie derart offen Einfluss nehmen darf. Sollte es nicht eher umgekehrt sein?

teleschau: Worum geht es in "Die Lobbyistin" abseits der Politik?

Rosalie Thomass: Es geht um die Frage, was mit dir passiert, wenn dir die komplette Kontrolle über dein Leben entzogen wird. Wer bist du dann? Es geht um Macht und die Verführung, der die Hauptfigur ständig ausgesetzt ist. Und der sie teilweise erliegt. Sie ist jemand, die Freude empfindet, wenn es ihr gelingt, andere zu manipulieren. Ich glaube, dass viele Menschen diese Eigenschaft haben - selbst wenn sie es vehement abstreiten würden. Meine Figur ist ein Mensch, der sich nicht so gut leiden kann. Auch das ist ziemlich verbreitet. Und wir sind uns dessen oft nicht bewusst.

teleschau: Sind diese Menschen prädestiniert für - überspitzt formuliert - schmutzige Geschäfte?

Rosalie Thomass: Ich weiß es nicht. Ich glaube aber, dass gerade Menschen, die sich nicht so gut leiden können, besonders verführbar sind. Meine Figur tut immer wieder bewusst Dinge, von denen sie weiß, dass sie sich hinterher schlecht fühlt. Neben dem vordergründigen Ziel, dem Herausfinden, wer für ihr politisches Aus verantwortlich ist, ist es dieser Sog, der sie diese Dinge tun lässt. Sie will eine Bestätigung für ihr schlechtes Selbstbild zu erhalten.

teleschau: Alles in allem also doch eine Serie, die schlechte Laune macht?

Rosalie Thomass: Aber woher denn? Ein integrer Mensch kämpft in einem dreckigen Umfeld ums Überleben und überschreitet dabei ihre eigenen Grenzen. Das ist doch eben das Spannende. Walter White in "Breaking Bad" ist zu Beginn der Serie ja auch kein Bösewicht. Er kämpft, zunächst mit unzulänglichen, später mit erstaunlich drastischen, bösartigen Mitteln um sein Leben. Er durchläuft eine Wandlung. Das macht ihn, genau wie meine Rolle Eva, nicht per se zu einem schlechten Menschen. Ich empfinde dieses Setting unserer Serie, diese Wandlung der Figuren als sehr spannend.

teleschau: Ist "Die Lobbyistin" eine abgeschlossene Mini-Serie oder könnte sie fortgesetzt werden?

Rosalie Thomass: Man könnte sie durchaus weitererzählen - und ich hätte große Lust dazu.

Eric Leimann

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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