Kino / Portraits

"Es interessiert mich nicht, was andere von mir erwarten"

Andrea Riseborough spielt in "Battle of The Sexes" die Verführerin von US-Tennislegende Billie Jean King

Andrea Riseborough (35) hat, wenn überhaupt, nur diesen einen Makel: Ihr Name bleibt einfach nicht im Gedächtnis hängen - egal, ob sie in einem Blockbuster wie "Oblivion" an der Seite von Hollywood-Star Tom Cruise spielt oder für Pop-Ikone Madonna vor der Kamera steht wie in "W.E.". Dabei ist die Britin mit den großen, blauen Augen eine bemerkenswerte Künstlerin, die nun in "Battle of the Sexes" als lesbische Freundin von Tennislegende Billie Jean King (Emma Stone) mit ihrem nuancierten Spiel erneut brilliert. Beim Treffen im Londoner Soho House Hotel ist die Aktrice mit Wohnsitz in Los Angeles kaum wiederzuerkennen: Die langen Haare sind einer poppigen hellblonden Kurzhaarfrisur gewichen, sie ist perfekt geschminkt und rutscht hibbelig auf ihrem Stuhl hin und her. Hin und wieder legt sie die Beine über die Armlehne und lässt die Füße mit den mörderischen High Heels baumeln.

Auch wenn manch einer es nicht mitbekommen haben dürfte: Die Karriere der Andrea Riseborough kommt keinesfalls aus dem Nichts. Die eigentlich brünette Schauspielerin hat schon in vielen Filmen gespielt, etwa 2008 in der charmanten Mike-Leigh-Komödie "Happy Go-Lucky", 2010 in dem Krimi-Drama "Brighton Rock" oder 2011 in der Literatur-Verfilmung "Alles, was wir geben mussten".

Zu ihren größten Filmen, in Hollywood-Kategorien gesprochen zumindest, gehört der Sci-Fi-Thriller "Oblivion", in dem sie 2013 an der Seite von Tom Cruise die unterkühlte Vika spielte. Ein düsterer Actionfilm mit Tom Cruise, von der Kritik gemischt aufgenommen. Andrea Riseborough tätschelt einem aus Mitgefühl für einen Moment die Hand: "Wow, Sie haben 'Oblivion' gesehen! Gott segne Sie, denn diese zwei Stunden kriegen Sie nie wieder zurück." Dann rudert sie zurück in ihrem offensichtlichen Missfallen, um gleichwohl wenig glaubhaft zu versichern, dass das ja doch "eine gute Erfahrung" gewesen sei und Tom Cruise so "wahnsinnig freundlich". Aber, jetzt mal Hand aufs Herz: "Es war nicht gerade mein spannendstes Filmprojekt." Sagt sie, mit diesem umwerfenden britischen Akzent, der immer auch etwas von einem Snob hat, und schürzt die pink geschminkten Lippen.

Ihre Rollen könnten tatsächlich unterschiedlicher nicht sein: It-Girl im Thriller "Nocturnal Animals" (2016), unsichere Schauspielerin in "Birdman" (2014), Polizistin im Actionkrimi "Enemies - Welcome to the Punch" (2013) - keine Frage, diese quirlige Frau, die ihre Ausbildung an der Londoner Royal Academy of Dramatic Art absolvierte, lässt sich in keine Schublade stecken. Die Entscheidung für eine Rolle erfolge "rein instinktiv", versichert sie: "Es kommt auch darauf, in welcher Lebenssituation ich bin, passt die Rolle da rein? Oder ich habe vielleicht Lust, eine Person aus einem bestimmten Land zu spielen? Wichtig ist auf jeden Fall, dass ich ein echtes Interesse an der Figur habe."

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Mit ihrem Instinkt, ihrem Bauchgefühl, sei sie bisher ganz gut gefahren, sagt sie und wird kurz philosophisch: "Nur so schaffen wir es hoffentlich, eine authentische Version unseres Ichs zu werden." Und, nur so nebenbei bemerkt: "Es geht nicht darum, das zu tun, was andere von einem erwarten, das interessiert mich überhaupt nicht, denn das macht mich nicht glücklich." Sagt sie und schlägt die Beine über die Armlehne, während sie ihr Gegenüber herausfordernd taxiert.

Das Drehbuch von "Battle of the Sexes" hat sie jedenfalls sofort überzeugt, weil sie das Regie-Ehepaar Jonathan Dayton und Valerie Faris ("Little Miss Sunshine") überaus schätzt: "Ich kannte alle ihre Filme und liebe sie einfach!" Im Zentrum des Films steht nicht nur das Thema Gleichberechtigung von Männern und Frauen, sondern auch die sexuelle Neu-Orientierung von Billie Jean King. "Für Jon und Val war diese Liebesgeschichte sehr wichtig. Die Art, wie sie sie erzählen, ist sehr respektvoll, und sie haben meiner Meinung nach auch verstanden, welche historische Bedeutung der Film besitzt."

In vielen Großaufnahmen ist Andrea Riseboroughs ebenmäßiges Gesicht nun auf der Leinwand zu bewundern. Sie spielt die erste Frau, die die von Emma Stone gespielte Billie Jean King verführt. Es ist eine sehr dezente, ästhetisch gefilmte Liebeszene, die Andrea Riseborough zunächst eingeschüchtert hat: "Solche Szenen sind immer schwierig, sehr sogar. Aber das Gute an der Angst, die man davor hat, ist, dass sie diese besondere, nervöse Energie hervorbringt, die man braucht, um authentisch zu spielen." Hilfreich war, dass sie und Emma Stone sich schon vom gemeinsamen "Birdman"-Dreh kannten: "Insofern hat sich alles sehr vertraut angefühlt."

Ihre neu entdeckte Homosexualität musste der Tennisstar Billie Jean King damals verstecken, aus Angst vor Imageverlust und Diskriminierung, wobei Letzteres in "Battle of the Sexes" ja ein zentraler Aspekt ist. Auch Andrea Riseborough kann davon ein Lied singen: "Dass Frauen anders behandelt werden als Männer, habe ich schon als vierjähriges Mädchen zu spüren bekommen. Da schon ging es los mit der Unterdrückung und Anfeindungen." Auch heute erlebe sie "Tag für Tag eine Form der Diskriminierung": "Zum Beispiel, wenn mich jemand nach einem Autogramm fragt und mich 'Baby' nennt. Oder wenn ein Mann mit mir spricht, als wäre ich eine Dreijährige!" Fast noch schlimmer findet sie die Anfeindungen unter Frauen: "Dabei ist es doch an der Zeit, dass wir uns zusammentun und uns lieben! Sonst werden wir zwangsläufig scheitern. Es ist echt nicht einfach, eine Frau zu sein."

Aber um die blitzgescheite Andrea Riseborough, die selbstbestimmt, mit einer Prise Ironie durchs Leben geht, muss man sich wohl keine Sorgen machen. Sie wird ihren Weg gehen, auch in Sachen Karriere: Vier neue Filme mit ihr werden 2018 voraussichtlich in die Kinos kommen, von der Historienfarce "The Death of Stalin" bis zum Psychodrama "Nancy", in dem sie die Titelfigur, eine Identitätsdiebin spielt. "Ich habe jeden Tag aufs Neue Angst, aber ich mache es trotzdem. Denn ich weiß, dass man ohne Angst nicht mutig sein kann. Also setze ich einfach einen Fuß vor den anderen und versuche, Dinge zu machen, an die ich wirklich glaube. Das macht mich glücklich und bringt mich zum Lachen." Insofern ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis ihr Name im Gedächtnis hängen bleibt.

Heidi Reutter

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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