Musik / Backstage

Wie schön, dass du geboren bist ...

vollendet am 12. Mai sein 70. Lebensjahr

Kaum jemand dürfte für die musikalische Sozialisation der Deutschen in ihren ersten sechs bis acht Lebensjahren wichtiger sein als Rolf Zuckowski. Der frühere Beat-Musiker, Familienmensch und dreifache Vater erfand Mitte der 70-er eine neue, zeitgemäße Musik für Kinder. Mit "Wie schön, dass du geboren bist", "In der Weihnachtsbäckerei", "Die Jahresuhr" oder "Rolfs Vogelhochzeit" geht ein Großteil heutiger Kindergarten-Songklassiker auf sein Konto. Zuckowski, Sohn eines Seemannes und einer Friseurin, wurde am 12. Mai 1947 in Hamburg geboren. Bis heute verkaufte er etwa 16 Millionen Tonträger. Auch wenn er in den letzten Jahren kaum noch auftritt, bleibt Rolf Zuckowski mit seinem sozialen Engagement sehr aktiv. Ein Gespräch über das Leben mit Kindern früher und heute - und was wir daraus lernen können.

teleschau: Herr Zuckowski, warum haben Sie eigentlich angefangen, Musik für Kinder zu machen?

Rolf Zuckowski: Das kam 1971, durch die Geburt unseres ersten Kindes, meiner Tochter Anuschka. Wir bewohnten damals eine kleine Dachwohnung im Haus meiner Schwiegereltern. Anuschka war vielleicht drei Jahre alt. Die Wohnung war so klein, dass sie ganz nah bei uns schlief. Meine Frau und ich hörten sie deshalb immer singen - was uns total rührte und mich dazu brachte, alleine und auch mit Anuschka neue Texte und Melodien für Kinder zu erfinden.

teleschau: Damals gab es nicht wirklich Musik für Kinder, oder?

Zuckowski: Nein, Kinder hörten die alten Volkslieder. Viele sind auch toll, aber sie spiegelten in ihren Texten nicht die moderne Lebenswirklichkeit von Kindern wider. Es waren Geschichten aus einer anderen Zeit. Wo klappert denn heute noch die Mühle am rauschenden Bach? Außerdem hörte man eben die Schlager der Erwachsenen. Auch da hatte es im Prinzip alles, was es braucht, nur dass man die lustig-ironischen oder erwachsen-verliebten Texte eben nicht immer verstand.

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teleschau: Sie erfanden damals ein geniales Geschäftsmodell. Musik für eine riesige Zielgruppe, die bislang nicht versorgt war.

Zuckowski: Ja, aber das sah ich selbst nicht so. Es dauerte ganz lange, bis meine Kindermusik zu etwas wurde, das auch kommerziell war. Wir lebten damals von den Liedern der Gruppe Peter, Sue & Marc. Ein Trio aus der Schweiz, für das ich als Co-Autor und Co-Produzent mit Peter Reber aktiv war. Davor war ich Angestellter in einem Musikverlag, aber da hielt ich es nur zweieinhalb Jahre aus. Unsere Tochter brachten wir morgens in ein Kinderhaus, ein von Eltern selbstverwalteter Kindergarten, wie sie in den 70-ern aufkamen. Dort spielten und sangen wir öfter, einfach so zum Spaß. Auch mit den anderen Kindern. Wir haben immer weiter neue Lieder von mir ausgesponnen. So entstand meine Musik.

teleschau: Wie wurden Sie dann entdeckt?

Zuckowski: Es war eigentlich ein etwas zäher Prozess (lacht). Das erste, was ich tatsächlich veröffentlichen wollte, war "Die Vogelhochzeit". Ich schrieb sie 1974 auf der Basis einer Bildergeschichte meines Freundes Peter Meetz. Da war meine Frau schwanger mit dem zweiten Kind. Wir schickten das an alle möglichen Plattenfirmen, aber keine wollte es haben. Erst zur Jahreswende 1977/1978 konnte ich das Album dann veröffentlichen.

teleschau: Wenn man an Ihre Auftritte mit den Kindern Anfang der 80-er im Fernsehen denkt, wirkten Sie immer sehr zufrieden mit dem, was sie da taten. Sie wissen, dass man sich auch über Sie lustig machte ...

Zuckowski: Ja, aber das waren immer Leute, die selbst keine Kinder hatten. Leute, die diese Herzensenergie, die Kinder beim Musikmachen haben, nicht nachempfinden konnten. Ich kann nur sagen: Das war ich, voll und ganz! Und ich arbeitete mit denselben professionellen Musikern, mit denen ich auch sonst Platten aufnahm. Sich bei Musik, die "nur" für Kinder war, weniger Mühe zu geben, hätte es bei mir nicht gegeben. In der Radio- und Fernsehwelt wurde ich nie belächelt. Vor mir gab es nur Kinderstars wie Heintje oder Andrea Jürgens. Dass jemand ganz normal mit Kindern sang, ohne die Idee dahinter, einen Star in die Welt zu setzen, war durchaus etwas Neues, was auch gelobt wurde.

teleschau: Heute machen sich Erwachsene viele Gedanken, wie man als Eltern zu sein und Kinder zu behandeln hat. In Ihrer Zeit wirkte das alles selbstverständlicher.

Zuckowski: Tatsächlich waren Kinder damals auch selbstverständlicher als heute. Meine Frau war eines von vier Geschwistern und ich auch. Ein Leben ohne Kinder, eine Nicht-Familie, konnten wir uns nicht vorstellen. Es gab damals keine Diskussionen über Kindererziehung. Man schaute sich schon an, wie das die anderen machen, aber man sprach interessanterweise nicht viel darüber. Das fing erst später an, im Kinderhaus. Dort gab es die Idee, sich gegenseitig zu beobachten und zu beraten. Was damals aber passierte: In der Presselandschaft tauchte plötzlich Beratungsliteratur auf.

teleschau: Und wie fanden Sie das, als aufgeklärter Avantgardist aus dem Kinderhaus?

Zuckowski: Eigentlich eher nervig. Die anderen Leute aus dem Kinderhaus sahen das ähnlich, so weit ich mich erinnere. Wir fanden es seltsam, dass man sich von fremden Leuten, von einer Zeitschrift wie "Eltern" sagen lassen sollte, wie man mit Kindern umgehen soll. Wir hatten doch uns, unsere Geschwister und Eltern. Fachleute für Pädagogik, die uns ein schlechtes Gewissen machten, fanden wir eher anstrengend.

teleschau: Hat sich Ihre Skepsis bis heute gehalten?

Zuckowski: Das kann man nicht so leicht beantworten. Ich wurde erst langsam warm mit der pädagogischen Ratgeber-Szene in Sachen Kind. Natürlich gibt es da sehr lesenswerte Literatur, aber auch eine Menge Zeugs, wo Leute irgendwelche Marktlücken entdeckt zu haben glauben. Wie wir heute mit Kindern leben - da fließt auf jeden Fall ganz viel und oft auch kompetente Ratgeberliteratur mit ein. Ob nun bewusst oder unbewusst. Jeder liest viel mehr als früher darüber, was Kindern schaden oder was sie voranbringen kann. Ob wir es verinnerlichen, ist eine andere Sache. Aber die Tipps und Ratschläge sind im Gegensatz zu damals überall. Ich glaube, dass viele Eltern durch diese Flut der Hilfe eher verunsichert sind. Vor allem, wenn sie ihre Kinder spät bekommen haben und ein sehr bewusstes Elternleben leben.

teleschau: Sie plädieren für einen instinktiveren, weniger verkopften Umgang mit Kindern.

Zuckowski: Ich plädiere dafür, auf sein eigenes Gefühl zu hören und sich mit dem Partner sowie anderen engen Freunden und Familienmitgliedern auszutauschen. Erst danach würde ich auf Ratgeberliteratur zurückgreifen. Sie ist ganz stark Mode und Zeitgeist unterworfen.

teleschau: Ist die Welt für Kinder heute besser oder schlechter als damals?

Zuckowski: Eigentlich müssten Kinder diese Frage beantworten. Nur sie wissen ja, wie sie sich fühlen. Natürlich können sie ihr Leben heute nicht mit dem der Kinder vor ein oder zwei Generationen vergleichen. Reden wir mal nur über Deutschland: Kinderarmut ist leider wieder ein großes Thema in unserem Land. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Als ich ein Kind war, waren sich die Menschen in ihren Möglichkeiten und Einschränkungen ähnlicher. Ich bin ein Nachkriegskind, 1947 geboren. Bis da mal jemand offensichtlich mehr hatte als die anderen, das dauerte.

teleschau: Sie meinen, die Neidgesellschaft kam erst mit dem Wohlstand?

Zuckowski: Ja, schon. Es fing damit an, wo man die Ferien verbrachte. Ich war immer nur im Hamburger Stadtpark. Was anderes kannte ich nicht, es war wunderbar. Es gab ein Freibad, Klettergerüste, Wald und Abenteuer. Als dann die Ersten erzählten: "Wir waren an der Ostsee oder zum Skifahren im Harz", merkte ich, da entwickeln sich Unterschiede. In dieser Situation nicht neidisch zu werden, war eine erste Übung (lacht).

teleschau: Leben Kinder heute in einer überkommerzialisierten Welt?

Zuckowski: Es ist das Lebensmodell, auf das wir uns eingelassen haben. Die Eltern leben es ihren Kindern ja auch vor. Wenn heute beide Vollzeit arbeiten und ihre Kinder lange betreuen lassen, liegt es nicht immer nur daran, dass es nicht anders ginge. Viele arbeiten auch viel, um sich etwas leisten zu können. Diese Anspruchshaltung färbt natürlich auf die Kinder ab. Je mehr die Eltern Dinge tun, die nicht gekauft werden müssen und trotzdem richtig Freude machen, selbst wenn sie - wie die Wanderung zu einem entfernten Ziel oder ein Instrument zu lernen - ein bisschen anstrengend sind, desto gesünder wachsen unsere Kinder auf.

teleschau: Was sollten wir noch tun?

Zuckowski: Wir müssen in den Kindern Dinge fördern, deren Dimensionen sie noch nicht erahnen. Zum Beispiel Sport. Natürlich wird da auch verglichen, aber man erlebt Gemeinschaft, Reisen, Turniere, Erfolgserlebnisse und muss mit Niederlagen umgehen lernen. Solche Erfahrungen bauen bei den Kindern Welten auf, deren Größe sie anfangs noch nicht erahnen. Die einen werden vielleicht tatsächlich tolle Sportler, die anderen kommen von der Gemeinschaft, die sie erleben, nie wieder weg und werden sozial für ihr Leben geprägt. Ähnlich ist es, wenn man in einer Band, einem Orchester oder in einem Chor aktiv ist. Solche Dinge gilt es zu fördern, weil sie in unserer hochindividuellen, durchtechnisierten Zeit mehr und mehr in den Hintergrund geraten. Mit meiner Stiftung "Kinder brauchen Musik", Betonung auf "brauchen", versuche ich, etwas zu tun. Ich bin kein Botschafter der "Antiwelt" (lacht). Ich versuche nur, Gegengewichte zu dem, was derzeit sehr dominiert, zu stärken.

teleschau: Viele Eltern größerer Kinder und Jugendlicher sind genervt von sich selbst, weil sie die Kinder die ganze Zeit von Dingen wie Handysucht und dem Versinken in virtuellen, bewegungslosen Welten abzubringen versuchen. Wie streng müssen Eltern sein, auch wenn es gar keinen Spaß macht?

Zuckowski: Das kommt sehr auf das eigene Naturell an. Es gibt Menschen, die können gut Ansagen machen, Druck ausüben und dabei auch noch geliebt werden. Zum Beispiel gute Chorleiter oder Sporttrainer. Die haben eine Ausstrahlung, die diesen Druck erlaubt - und dann tut er den Kindern auch gut. Es gibt aber auch Menschen, die durch das Ausüben von Druck immer mehr an Sympathie verlieren. Kinder lernen nun mal am besten, wenn das Herz mit lernt. Man muss erkennen, welcher Typ man ist. Meine Frau und ich haben unsere Kinder mit sehr wenig Druck, aber großer Konsequenz erzogen. Damit sind wir gut gefahren. Man muss erkennen, was einem liegt. Authentisch zu bleiben, ist das wichtigste.

teleschau: Sie wirkten immer so unendlich geduldig mit Kindern. Andererseits weiß jeder, der Kinder hat, dass man mit ihnen auch immer wieder an den Rand des Nervenzusammenbruchs gerät. Man hofft heimlich, es ging Ihnen auch so.

Zuckowski: Eltern, die nicht genervt sind, gibt es nicht. Und Kinder, die nicht nerven, gibt es auch nicht. Auch wir erlebten mit unseren Kindern Grenzsituationen, in denen wir uns sehr zusammenreißen mussten. Trotzdem waren sie, was die Erziehung betrifft, nicht besonders schwierig. Ich kenne durchaus Kinder, bei denen ich erheblich mehr aufpassen muss, nicht die Nerven zu verlieren. Trotzdem habe ich mich in der Gegenwart von Kindern immer wohl gefühlt. Je schwieriger sie waren, desto näher bin ich an sie rangerückt. Ich versuchte herauszufinden, was los ist, damit es uns beiden besser geht. Ich glaube, so einfach ist manchmal das Leben.

teleschau: Was ist das Wichtigste, das Sie von Kindern gelernt haben?

Zuckowski: Dass jeder Mensch Vertrauen braucht, dass man aber auch Vertrauen wagen muss. Ich habe von ihnen gelernt, dass eine grundlegende Skepsis, mit der viele Erwachsene durchs Leben gehen, leider viele schöne Dinge unmöglich macht.

Eric Leimann

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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