Musik / Backstage

"Die Zeit bei Kraftwerk war einmalig"

hat seine Autobiografie "Der Klang der Maschine" veröffentlicht und spricht über seine Zeit bei Kraftwerk

Die renommierte "New York Times" nannte sie einst "die Beatles der elektronischen Tanzmusik". Tatsächlich gelten Kraftwerk noch immer als einflussreichste Band der deutschen Musikgeschichte. Von Düsseldorf aus revolutionierten Florian Schneider und Ralf Hütter mit Alben wie "Autobahn" und "Die Mensch-Maschine" die Popmusik. Zum Line-Up der Band gehörte von 1974 bis 1990 auch der 1952 in Berchtesgaden geborene Karl Bartos. In seiner soeben erschienen Autobiografie "Der Klang der Maschine" (Eichborn Verlag, 640 Seiten, 26 Euro) blickt der klassisch ausgebildete Schlagzeuger zurück auf seine Zeit bei Kraftwerk. Im Interview erzählt der 65-Jährige, wie er Teil der Band wurde - und warum es damals alles andere als demokratisch zuging.

teleschau: Herr Bartos, wie wurden Sie Teil von Kraftwerk?

Karl Bartos: Ich studierte damals am Robert-Schumann-Konservatorium in Düsseldorf und nahm oft Jobs als Gastmusiker an. Bei Bands, aber auch im Orchester. Als Florian Schneider bei uns anrief, weil er einen klassisch ausgebildeten Schlagzeuger suchte, gab mir mein Lehrer seine Nummer. Im September '74 traf ich Florian und Ralf Hütter dann erstmals in ihrem Kling-Klang-Studio. Die erste Begegnung war sehr förmlich. Wir begrüßten uns und fingen dann gleich an, Musik zu spielen.

teleschau: Zu diesem Zeitpunkt hatten Kraftwerk schon drei Alben veröffentlicht und ihr viertes, "Autobahn", bereits fertig eingespielt. Wie hat es sich angefühlt, in dieses feste Bandgefüge zu stoßen?

Bartos: Als klassischer Musiker bekommt man einen Anruf und spielt dann wenig später mit Musikern, die man teilweise gar nicht kennt. Bei der klassischen Musik spielt einfach jeder seine Stimme - und so war das auch anfangs bei Kraftwerk. Die Atmosphäre im Kling-Klang-Studio war wie in einem industriellen Loft, mit Wänden aus weißen Ziegelsteinen und Eierkartons an der Decke. Ein bisschen wie man sich Andy Warhols Factory vorstellt. Ganz locker und unverkrampft.

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teleschau: Florian Schneider und Ralf Hütter gelten als sehr verschlossen. Wie sind Sie damals miteinander klargekommen?

Bartos: Sehr gut, das war kein Problem. Damals, "Autobahn" war noch nicht veröffentlicht, hatte die Band ja noch keinen Erfolg. Ihr erstes Album "Kraftwerk" war zwar überregional bekannt, und der Song "Ruckzuck" daraus war Titelmelodie der Fernsehsendung "Kennzeichen D". Aber das war's. Kraftwerk war nicht Teil des Mainstreams, sondern avantgardistisch. Richtig anti. Als dann "Autobahn" veröffentlicht wurde, fragten mich Ralf und Florian, ob ich Lust hätte, mit nach Amerika auf Tournee zu kommen. In das Land zu fahren, in dem die Popmusik entstanden ist, war natürlich ein Traum. Noch dazu waren gerade Semesterferien (lacht)! Diese erste Zeit in Amerika hat mein Leben verändert.

teleschau: Ab wann konnten Sie sich auch beim Songwriting mit einbringen?

Bartos: Nach der Amerika-Tournee nahmen wir erst "Radio-Aktivität" und später "Trans Europa Express" auf. Mein Input bei diesen Alben führte dann dazu, dass ich auf "Mensch Maschine" die musikalischen Inhalte mitgestalten konnte.

teleschau: War das der Moment, als Sie sich nicht mehr als Gastmusiker, sondern als Teil der Band begriffen haben?

Bartos: Wenn man Stücke miteinander komponiert, spiegelt sich das im Ergebnis wider. Wenn ich auf "Mensch Maschine" meine Rhythmen, Melodien und Akkorde höre, dann ist das auch ein Teil von mir. Ich erkenne mich stark wieder im Geistigen in der Musik von Kraftwerk.

teleschau: War Kraftwerk eine demokratische Band?

Bartos: Nein. Die Besitzer des Markennamens waren Florian Schneider und Ralf Hütter. Aber ich war am Copyright beteiligt und später auch an den Umsätzen. In der zweiten Hälfte der 80er-Jahre produzierten wir dann aber keine Musik mehr, es kamen keine Alben mehr auf den Markt. 1990 verließ ich schließlich die Band.

teleschau: Hatte das auch musikalische Gründe?

Bartos: Die ersten Kraftwerk-Platten, an denen ich beteiligt war, erschienen kurz hintereinander. "Techno Pop" war eine schwierige Geburt und nahm fünf Jahre in Anspruch. Danach brach die Digitalisierung über uns herein. Wir hatten schon vorher digitale Instrumente, aber unsere Musik entstand ähnlich wie bei Jazz-Musikern. Wir standen im Kreis, haben uns in die Augen geschaut und gemeinsam musiziert. Wir unterhielten uns mit unseren Instrumenten und verknüpften dann einzelne Aufnahmen zu einer Komposition.

teleschau: Wie änderte sich das dann?

Bartos: 1986 kaufte ich für 12.000 Mark meinen ersten IBM-Computer. Wir unterhielten uns dann im Studio nicht mehr, sondern schauten nur noch auf den Monitor des Rechners, wenn wir Musik machten. Wir hörten auf zu komponierten, wie man das traditionell macht, sondern standen am Computer und gaben Befehle in die Maschine ein. Das war Copy and Paste und nicht mehr komponieren.

teleschau: War es aber nicht zwingend, dass Kraftwerk mit der Technik gingen?

Bartos: Ja, aber wir hatten damals nicht die Möglichkeit, unsere Kommunikation als Band ins Digitale zu transferieren. Heute mag das möglich sein, aber damals ging das nicht. Musik entsteht immer durch eine Form von Unterhaltung. Popmusik in den 60-ern unterschied sich von klassischer Musik gerade dadurch, dass mehrere Komponisten an einem Song arbeiteten. So entstand Vielfalt. Mit dem Einzug der Computer war das bei Kraftwerk vorbei.

teleschau: Wieso haben Sie sich gerade jetzt entschieden, ihre Autobiografie zu schreiben?

Bartos: Seit 40 Jahren wird über Kraftwerk aus nur einer Perspektive geredet, es geht immer um dieselben Schlagworte. Ich möchte in meinem Buch davon erzählen, dass es bei Kraftwerk vor allem um Musik geht, die handgemacht ist. Heute haben viele den Eindruck, Kraftwerk würden Computermusik machen. Das ist falsch. Ich spreche in meinem Buch über die Elemente, die unsere Musik ausmachen. So wird man der Musik gerecht. Diese Perspektive hat bislang gefehlt.

teleschau: Haben Sie mit Florian Schneider und Ralf Hütter über Ihr Buch gesprochen?

Bartos: Nein, gar nicht. Ich hatte ein juristisches Lektorat. Und ich habe natürlich vermieden, Menschen weh zu tun. Das ist selbstverständlich.

teleschau: Eine Autobiografie ist immer auch ein Resümee. Wie blicken Sie auf Ihre Zeit bei Kraftwerk zurück?

Bartos: Die Musik, die wir in der zweiten Hälfte der 70-er gemeinsam erschufen, ist für mich das Wertvollste, das wir bei Kraftwerk hervorbrachten. Wenn ich heute die alten Tapes aus unseren Sessions anhöre, dann bringt mich die Musik in diese Zeit zurück. Das ist die Eigenschaft von Musik: Sie kann die Zeit konservieren. Die Zeit bei Kraftwerk war so einmalig, dass ich diese Erlebnisse mit den Lesern teilen möchte.

Sven Hauberg

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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