Musik / Backstage

"Ich fühle mich manchmal wie eine Priesterin"

etabliert mit ihrem neuen Album das Genre Gangsterpop

An einem Hamburger Bahnhof erhitzen Süchtige kleine Heroin-Brocken auf einem Stück Alufolie und inhalieren den Rauch. In Monaco lächeln Männer in weißen Hemden mit weißen Zähnen und inhalieren Zigarrendunst. Ronja Zschoche, die sich als Rapperin Haiyti nennt, vereint beide Welten in ihrer Musik. Natürlich arbeitet sie mit Klischees, aber da ist noch mehr. Haiyti, die ihr Alter nicht verraten will, skizziert die Grausamkeiten, die am großen norddeutschen Transitort passieren und singt dazu klebrige Glamour-Hymnen. Dazwischen schieben sich ihre eigenen bedrückenden Gefühlsausbrüche. Nebenbei studiert sie Kunst. Momentan steht durch das neue Album "Montenegro Zero" (erscheint am 12. Januar) die Musik im Fokus - es ist eine Mischung aus Gangsterrap und -pop, mit der Haiyti wie im Vorbeigehen neue soundästhetische und (gossen-)poetische Maßstäbe setzt.

teleschau: Haiyti, Sie legen großen Wert darauf zu betonen, dass Sie Gangsterrap machen. Warum?

Haiyti: Meine Texte könnte so auch ein männlicher Straßenrapper geschrieben haben. Ich glaube nur, dass die Jungs mich nicht so gerne in ihrem Genre sehen. Es ist ihre Welt, die Welt der Männer. Aber ich schreibe gern Gangsterraptexte. Es wäre ja dumm, das zu verleugnen. Bei mir geht es immer auch um Geld, Blut und Gewalt.

teleschau: Und trotzdem wollen manche Menschen Sie nicht als Gangsterrapperin gelten lassen?

Haiyti: Weil ich auch andere Qualitäten habe. Aber zusätzliche Qualitäten wie den Hang zu Melodien ergänzen den Gangsterrap, nicht andersherum. Ich nenne meine Musik auch Gangsterpop.

mehr Bilder

teleschau: Gangsterpop?

Haiyti: Das ist klassischer Dirty-South-Rap mit Melodien. Früher waren Songs oft so strukturiert: Eine Frau durfte die Hook singen, und ein Mann hat die Strophen gerappt. Ich mache einfach beides.

teleschau: Im Gangsterrap wird es oft als Schwäche ausgelegt, Gefühle abseits von Wut zu zeigen. Sie machen aber genau das. Warum?

Haiyti: Das hat sich so entwickelt. Am Anfang war meine Musik nicht sehr gefühlvoll. Erst habe ich Horrorcore-Rap gemacht, dann Gangsterrap, dann wurde es glamouröser. Jetzt mache ich Pop. Wichtig bei Musik ist einfach, dass eine Message ankommt. Es ist erst einmal egal, welches Gefühl ausgelöst wird, aber es muss etwas transportiert werden. Es ist eine Stärke, seine Gefühle zu zeigen. Das wissen die meisten. Ich glaube, dass viele Rapper gerne Gefühle zeigen würden. Sie trauen sich nur nicht.

teleschau: "Was soll ich mit allem Gold der Welt / Ich will nur ein bisschen Zeit mit dir": Mit so intimen Zeilen wie im Song "Gold" offenbaren Sie sich Menschen, die Sie gar nicht kennen. Sie machen sich verwundbar ...

Haiyti: Scheiße. Aber passiert das nicht allen großen Stars?

teleschau: Fühlen Sie sich denn wie ein großer Star?

Haiyti: Ehrlich gesagt nicht (lacht). Aber Amy Winehouse hatte auch solche Songs, auf denen sie sich entblößte. Prince ebenfalls. Ich halte mich dann eher an die.

teleschau: In einem Porträt über Sie im Magazin "Rolling Stone" heißt es, dass ihre Songs oft innerhalb weniger Minuten entstehen. Wie genau muss man sich das vorstellen?

Haiyti: Ich habe irgendwann irgendwo eine Idee, mache mir eine Notiz und rappe oder singe sie später. Manchmal kommen mir Ideen auch direkt, wenn ich vorm Mikrofon stehe. Ich bastle mir die Songs zurecht: aus Freestyles, Notizen und ganz schnell und unmittelbar heruntergeschriebenen Sätzen, über die ich erst mal nicht nachdenke. So habe ich das ganze Album zusammengepuzzelt.

teleschau: Wiederkehrende Puzzleteile in Ihrer Musik sind Geschichten über warme Orte wie Monaco. Sehnen Sie sich nach mediterranen Plätzen?

Haiyti: Ich bin jedes Jahr in Kroatien, weil dort mein Vater, meine Tante und meine Oma leben. Das ist mein zweites Zuhause. Es wäre komisch, wenn ich nur über die Hamburger Straßen rappen würde, denn ich habe ja auch noch das andere Leben.

teleschau: Führen Sie so etwas wie ein Doppelleben?

Haiyti: Ja, als Business-Haiyti und als Studio-Haiyti. Wobei, eigentlich habe ich sogar noch mehr Leben.

teleschau: Zum Beispiel das Bildende-Kunst-Leben ...

Haiyti: ... und das Musik-Leben, das Musikbusiness-Leben, die normalen Leben in Kroatien und in Hamburg.

teleschau: Wo fühlen Sie sich am wohlsten?

Haiyti: Im Studio. Das ist der Raum, in dem ich wirklich lebendig bin. Alles andere ist das Drumherum. Ich sammle Material, bis ich dort endlich wieder leuchten kann.

teleschau: Was meinen Sie mit "leuchten"?

Haiyti: Ich fühle mich manchmal wie eine Priesterin. Was und wie ich rappe kommt von irgendwo, und ich bin nur die Botschafterin. Beim Song "Gold" habe ich unglaublich hoch gesungen, so hoch wie noch nie. Ich weiß auch nicht, wo das plötzlich herkam. Ich habe mich gefühlt wie eine Marionette von jemandem (lacht).

teleschau: Aufgewachsen sind Sie mit Ihrer Mutter und Ihrer Schwester in einer Hamburger Sozialwohnung. Wie erinnern Sie diese Zeit?

Haiyti: Ich war immer ein bunter Hund. Ich bin auf meinem Fahrrad herumgefahren, habe mal die und mal die besucht. Ich saß sogar manchmal in anderen Schulen mit im Unterricht. Ich hatte nie ein richtiges Team, sondern habe mir immer alle Seiten angeschaut. So bin ich immer noch.

teleschau: Sie sind auch in alle erdenklichen Subkulturen hineingestolpert ...

Haiyti: Das ist genauso wie in meiner Kindheit, als ich mit dem BMX herumgefahren bin und erst einen Hund zum Streicheln besucht habe, nur um danach die Kiffer am Alstertal zu treffen. Wenig später bin ich durch die unterschiedlichsten Clubs gezogen und danach in Berlin oder Hamburg durch die Studios getourt. Jetzt wechsle ich immer wieder die Produzententeams. Ich bin immer noch eine Einzelkämpferin.

teleschau: Wie wichtig sind Ihnen denn Geld und Reichtum? Immerhin geht es in Ihren Songs sehr oft um Statussymbole ...

Haiyti: ... die ich eigentlich gar nicht besitze. Ich habe mir einen Haufen Geld durch die Lappen gehen lassen. Ich habe Auftritte für irgendwelche Marken abgesagt und mich nicht für Fotokampagnen hergegeben. Ich wollte das nicht. Da war mir Geld dann doch nicht wichtig. Ich will aber meine Ruhe haben.

teleschau: Nach dem Motto "Zeit ist Geld"?

Haiyti: Geld bedeutet mehr Zeit für dich. Ich bin nicht in einer reichen Familie groß geworden. Es wäre dumm, als Getto-Kind jetzt zu sagen, dass ich kein Geld möchte. Jedes Getto-Kind will reich werden. Aber nicht um jeden Preis, das ist der Punkt. Wenn mein Album floppt, dann floppt es eben. Das ist für mich nicht schlimm.

teleschau: Sie haben immer alles selbst gemacht und Ihre Alben im Internet veröffentlicht. Jetzt sind Sie beim großen Musiklabel Universal gelandet. Geben Sie dadurch etwas aus der Hand?

Haiyti: Ich hatte keine Lust mehr darauf, rumzuschleimen, um Studiotermine zu bekommen, oder darauf, einen Kameramann zu bezirzen für ein Video. Jetzt habe ich ein Team, das Grafik macht, und eine Videoproduktionsfirma hat meine Ideen realisiert hat, damit es mal nicht nach Low-Budget aussieht. Ich muss auch keine Videos mehr selbst bei YouTube hochladen. Dafür muss ich jetzt Interviews geben, obwohl ich darauf keine Lust habe (lacht).

teleschau: Sie wurden doch gerade wegen der Low-Budget-Ästhetik und den schnellen Handyvideos geschätzt ...

Haiyti: Ich hatte früher Zeitmangel, aber brauchte Videos. Immer, wenn es ein Handymusikvideo wurde, mangelte es an der Technik. Trotzdem ist es jetzt nicht weniger kompliziert. Du musst ein Team briefen. Diese Kommunikationspunkte fallen alle weg, wenn du es selbst machst. Und eigentlich habe ich auch wenig Lust darauf, Leuten stundenlang zu erklären, welchen Film ich fahren will.

teleschau: Aber es gibt nun Leute, die Sie verstehen?

Haiyti: Eigentlich nicht (lacht). Wobei, doch. Das Video zu "100.000 Fans" ist fast so geworden, wie ich es wollte.

teleschau: Sie studieren in einem Ihrer anderen Leben Kunst in Hamburg. Ihr Professor, Anselm Reyle, entschied sich 2014 dazu, aus dem Kunstmarkt auszusteigen. Er war damals genervt. Könnte es passieren, dass Sie es mit der Musikindustrie ähnlich handhaben?

Haiyti: Momentan bin ich da ja komplett drin. Ich denke aber die ganze Zeit darüber nach, wann ich endlich wieder ins Studio gehen und Untergrund-Songs schreiben kann. Ich überlege sogar, ob ich heimlich ein Projekt unter anderem Namen herausbringe. Ich habe Lust auf richtige Gangster-Musik, auf die niemand Bock hat.

teleschau: Hält Sie denn jemand davon ab, die aufzunehmen?

Haiyti: Ich habe wirklich keine Zeit. Das hält mich ab.

teleschau: Was frisst denn so viel Zeit, abgesehen von den Interviews?

Haiyti: Am Wochenende mache ich andere Dinge. Alkohol trinken oder so. Unter der Woche ist von Montag bis Freitag Action. Fotoshootings, Outfits suchen, Radiotermine, Liveauftritte, Videos schneiden. Das kommt alles zusammen.

teleschau: Und wann malen Sie?

Haiyti: Ich male gerade gar nicht so viel ...

teleschau: An der Hamburger Kunsthochschule hat lange Zeit kaum jemand etwas von Ihrer Musik mitbekommen. Den Rappern dagegen haben Sie nichts vom Kunststudium erzählt. Haben Sie sich da bewusst "versteckt"?

Haiyti: Man kann beides sein: Gangsterrapper und Kunststudent. Aber es ist für viele Leute schwer, das zu verstehen, und es ist ja auch weit weg voneinander. Deswegen trenne ich es.

teleschau: Aber ist es nicht gerade wichtig, mit den bürgerlichen Einflüssen in der Kunst zu brechen und auch so etwas wie Gangsterrap einfließen zu lassen?

Haiyti: Meine Kunst ist ja nicht bürgerlich.

teleschau: Machen Sie also Gangster-Kunst?

Haiyti: (lacht) Ich denke, sie ist einfach sehr ästhetisch, genauso wie Gangsterrap. Es müssen gute Bilder entstehen. So wie bei Haftbefehl. Vielleicht könnte der auch ein Bild malen.

Johann Voigt

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

Versenden Drucken

Weitere Artikel



Camila Cabello feat. Young Thug - Havana

CD-Archiv

CD-Archiv

Suchen Sie in der Radio Erft - CD-Datenbank nach Interpreten und/oder CD-Titeln.

Ticketshop

Sichern Sie sich im Radio Erft Ticketshop die Tickets Ihrer Wunschveranstaltung!

Anzeige
Zur Startseite