Musik / CD

Kanye West: YeWenn der Wahnsinn gewinnt

An einem Lagerfeuer irgendwo in Wyoming sollten die Wogen wieder geglättet werden. All die kontroversen Aussagen Kanye Wests zu seinem Trump-Support oder dazu, dass 400 Jahre Sklaverei seiner Meinung nach auch ein bisschen selbstverschuldet wären, hatten ihn in den sozialen Medien von einem wahnsinnigen Genie zur Persona non grata werden lassen. Dann diese Veröffentlichungs-Party für "Ye" an einem großen Feuer mit Freunden, Familie und internationaler Presse. Das Album selbst ist mit knapp 24 Minuten das höhepunktarme Ergebnis der letzten ein bis höchstens zwei Monate.

Nach einer abgebrochenen Tour kündigte Kanye das Album via Twitter zusammen mit einer ganzen Reihe anderer Releases an, die er zuletzt für befreundete Künstler produziert hat. Viel Bohei, die Musik selbst scheint nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Auch bei dem nur sieben Song starken Album wartet man auf den musikalischen Einstieg über zwei Minuten lang. Vorher referiert Kanye im Intro "I Thought About Killing You" über Suizidgedanken und das Töten einer anderen Person, wobei bei dem bipolaren Künstler nicht ganz klar ist, ob er nicht mit beidem sich selbst meint. Irgendwann wiederholt sich das Sample eines Schreis, dann ist das Stück abrupt vorbei.

Nach der ersten Verwirrung werden die düsteren, basslastigen Skizzen von Beats angenehmer, und Kanye zeigt sein unverkennbares Gespür für Produktionen, die aufhorchen lassen. Was seine künstlerische Vision angeht, kann man dem Produzenten Kanye West seine Weltklasse nicht absprechen. Der Rapper Kanye widmet sich allerdings inhaltlich größtenteils Sex ("I love your titties 'cause they prove I can focus on two things at once") und dem Rechtfertigen seiner jüngsten Aussagen. Zurückgerudert wird nicht, stattdessen verteidigt Kanye HipHop-Mogul Russell Simmons, gegen den im Rahmen der "MeToo"-Bewegung zuletzt immer wieder Anschuldigungen aufkamen.

mehr Bilder

Ein erstes wirkliches Highlight bietet Feature-Gast Jeremih auf "All Mine". Seine Kehlkopfstimme kämpft sich zu den höchsten Sphären hoch und schafft es, dass der anatomische Begriff "medulla oblongata" wie Poesie klingt. Das Stück "Wouldn't Leave" ist mit seinem Gospel-Charakter ein klassischer Kanye-Song, "No Mistakes" wiederum ein durchschnittliches Sample-Stück, dass sich in der Mitte kurz verwandelt und dann ebenfalls zum Gospel hinschielt. Tatsächlich spektakulär wird es auf "Ye" erst mit der genialen Nummer "Ghost Town". Eine E-Gitarre zaubert eine Fläche, auf der Kid Cudi einen sehnsüchtigen Refrain zum Besten gibt, und Kanye ist endlich mal nur Mensch und nicht Kunstfigur. Irgendwann ist das Drama vorbei, rappt er, und als Musikfan hofft man, dass es stimmt. Wenn dann noch Rapperin 070 Shake wie in Trance über Schmerzen singt, ist einer der besten Songs des Jahres fertig und reißt "Ye" aus der Mittelmäßigkeit nach oben.

Das eigentliche Problem bei der Wahrnehmung von Kanyes neuer Platte ist, dass Fans wie Medien all die Aussagen der Privatperson Kanye West aufsaugen wie ein Schwamm. Das haben sie natürlich immer getan, weil der 40-Jährige Genie und Wahnsinn wie kein Zweiter unter einen Hut bringt. Erst jetzt, wo der Wahnsinn mit sehr fragwürdigen Aussagen Überhand nimmt, ist Kanye nicht mehr der gefeierte Freidenker, nicht mehr der merkwürdige Onkel der HipHop-Szene, den man trotzdem irgendwie liebt. Bei der Wahrnehmung von "Ye" geht es gar nicht mehr um die Musik, die immer noch gut, aber nicht überragend ist. Mit Blick auf das Album ist es egal, ob Kanye ein Lagerfeuer für Freunde macht oder seine Ehefrau sich mit dem Präsidenten der USA trifft. Es geht eigentlich nur noch um die Person, über die sich alle das Maul zerreißen. Wenn man sich nämlich doch nur auf die Musik konzentriert, ist das alles auch gar nicht mehr so spektakulär.

Arne Lehrke

Audio CD
Bewertungüberzeugend
CD-TitelYe
Bandname/InterpretKanye West
Erhältlich ab01.06.2018
LabelGetting Out Our Dreams / Def Jam
Vertriebk.A.
Quelle: "teleschau - der mediendienst"

Versenden Drucken

Weitere Artikel


CD-Archiv

CD-Archiv

Suche in der Radio Erft - CD-Datenbank nach Interpreten und/oder CD-Titeln.


Max Giesinger - Legenden
Ticketshop

Sicher Dir im Radio Erft Ticketshop die Tickets Deiner Wunschveranstaltung!

Anzeige
Zur Startseite