Musik / CD

Phillip Boa and the Voodooclub: Earthly PowersSounds, die im Sterben liegen

In den 80er-Jahren war Phillip Boa der unumstrittene König der deutschen New-Wave-Szene und gleichzeitig doch ein umstrittener Star: Er galt als wild und für die Musikindustrie schwer zu kontrollieren. Nichtsdestotrotz konnten mit seiner Popularität jenseits der Landesgrenzen höchstens die Einstürzenden Neubauten mithalten. Und seine Konsequenz zahlt sich bis heute aus: Auch nach 34 Jahren und 18 Studioalben mit seiner Band Phillip Boa and the Voodooclub ist er musikalisch noch nicht stagniert. "Earthly Powers" heißt die Nummer 19 des 55-jährigen Dortmunders, dessen Auftreten und Sound doch über die Jahre alles andere als bodenständig und erdnah waren. Der Titel verweist auf den gleichnamigen historischen Roman von Anthony Burgess, der zu großen Teilen auf Malta spielt, wo wiederum Boa viele Jahre seines Lebens verbrachte, als ihm der Druck der Öffentlichkeit und der Musikindustrie in Deutschland zu viel wurde.

Boa liebt die britischen Spielarten von Punk und New Wave. David Bowie nennt er gern als seinen größten Helden. Ähnlich wie der Protagonist des Burgess-Romans an seinen Memoiren arbeitet, widmet sich Boa auf "Earthly Powers" diesen im Sterben liegenden Sounds, indem er auf seinen eigenen Werdegang zurückblickt. Mit "A Crown For A Wonderboy" eröffnet eine astreine Indie-Nummer inklusive Tom-Läufen und Mitsing-Refrain. Auf "The Wrong Generation" kommen die Punk-Einflüsse zum Vorschein, und wenn Gitarre und Bass Halboktaven spielen, denkt man sogar kurz an den im Ruhrgebiet nie ganz ausgestorbenen Thrash Metal, dem Boa in den 90-ern sein Nebenprojekt Voodoocult widmete.

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Schon eine Anspielstation weiter wird Boa aber nur noch von einem geloopten Rauschen und ein paar Klavierakkorden begleitet, während er aus Zeiten erzählt, in denen er zu oft allein und betrunken durch die Straßen zog. Die getragene Performance erinnert erneut an den Zeitgenossen Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten. Auch "Strange Days After The Rain" und "Crusing" sind Balladen - durchaus eine Spezialität Boas, wenn man an "Ernest Statue" oder "Pretty Bay" zurückdenkt, nur dass er damals noch von Klanghölzern und orientalisch klingenden Harmonien begleitet wurde, an deren Stelle heute symphonische Streicher und ein programmiertes Schlagzeug getreten sind.

Boas Voodooclub liefert auf "Earthly Powers" Arrangements, die reduzierter und weniger geschichtet klingen als auf dem Vorgänger "Bleach House" (2014), auf dem man einen Drumcomputer noch vergebens gesucht hätte. Trotzdem ist der Zuhörer nie unterfordert. Konzentriert man sich, wird das neue Werk bald zu einem episodischen und romanartigen Album. Welche Geschichten seine eigenen sind und welche nicht, welche aus der Gegenwart oder der Vergangenheit stammen, lässt Boa immer wieder verschwimmen. So schafft er es, zugleich nostalgisch und zeitlos zu klingen. Fragt sich nur: Welche Geschichten bleiben noch für die Nummer 20? Die Antwort wird vermutlich nicht lange auf sich warten lassen.

Mathis Raabe

Audio CD
Bewertungüberzeugend
CD-TitelEarthly Powers
Bandname/InterpretPhillip Boa and the Voodooclub
Erhältlich ab10.08.2018
LabelCargo Records
VertriebCargo Records
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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