Musik / CD

Jens Friebe: Fuck PenetrationWann muss ein Mann kein Mann mehr sein?

Was waren das für Zeiten, damals, vor über zehn Jahren! Als ein junger und wilder Jens Friebe die hiesige Indie-Gemeinde noch im Jahrestakt mit einigen der besten Alben beglückte, die in deutscher Sprache je geschrieben wurden. Inzwischen hält Friebe diesen Takt nicht mehr. Nach "Nackte Angst zieh dich an wir gehen aus" mussten bis zum Erscheinen der neuen, aktuellen Platte des 42-Jährigen abermals vier Jahre ins Land gehen. Nur noch halb jung und halb wild wirkt "Fuck Penetration"; dafür umso politisch herausfordernder, musikalisch vielfältiger und sprachlich - der provokante Titel lässt es vermuten - englischer. Nur etwa die Hälfte der elf Songs singt Friebe auf Deutsch. Doch wie war das einst bei Tocotronic? "Über Sex kann man nur auf Englisch singen" - der blonde Untergrund-Dandy ergänzt: über Geschlechterfragen, Queer-Politik und Männlichkeitsbilder auch.

Gender-Debatten, #MeToo und der weltweite patriarchale Backlash gehen natürlich an einem Jens Friebe nicht vorbei. Schon immer übte sich der Wahlberliner in der Dekonstruktion überkommener Männlichkeitsbilder; spielte mit geschlechtsübergreifenden Identitäten, ohne dem begriffslosen Identitätswahn so mancher Szene anheim zu fallen. Mit "Fuck Penetration" schafft Friebe, der sich immer auch im Umfeld feministischer Bands wie Britta bewegte, sein sexpositives und sexismuskritisches Masterpiece. Der Titelsong allein, er deutet als hübsche Klimperrock-Hymne die, Achtung, Stoßrichtung an: Weg mit dem Diktat der Penetration! Weg mit dem Mackertum! Lasst uns Körper und Sex ohne Unterdrückung genießen!

Titel wie "Only Because You're Jealous Doesn't Mean You're In Love" liefern dazu die kritische Annäherung an klassische Modelle von Liebe und Beziehung; während das fröhlich, Achtung, treibende "Call Me Queer" sich über jene verbreitete Spezies Hetero-Mann lustig macht, die den theoretischen queerfeministischen Debatten aus Profilierungssucht und/oder Aussicht auf Sex beiwohnen, ohne sich in der Praxis irgendetwas davon zu Herzen zu nehmen: "Ich schau Fußball und trink Bier, ich schlaf nur mit Frauen - call me queer!" Plump, aber richtig und tanzbar.

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Aus der zielgerichteten Kritik am Geschlechterverhältnis und dem antifeministischen Zeitgeist macht Friebe eine farbenprächtige, abwechslungsreiche Show, die vor einer düsteren wie hoffnungsvollen Moll-Klavierballade wie "Worthless" ebenso wenig zurückschreckt wie vor einer Friebe'schen Version von "Herr der Ringe" samt trommelunterlegtem Weltmusikgewimmere und Zeilen wie: "Gespensterhaft zeigt sich das abgrundtief Böse, als Mischung aus Wirbelsturm, Auge und Möse." Klar, warum nicht?

Eingeladen hat Friebe auf seiner Platte auch Gäste, die zwei der besten Stücke, Achtung, besorgen. So übernimmt die Jodlerin Doreen Kuntzke in "Tränen eines Hundes" den Gesang und schafft dabei eine eigentümlich-wundervolle Mischung aus Schlagerrevue-Song und Country-Roadtrip. "Es Leben Die Drogen" ist, nunja, eine herrliche Drogenhymne, geschrieben und mitperformt von Linus Volkmann, der mit seinem Kumpel Friebe Weisheiten raushaut wie "Es lebe der Zufall, es lebe der Abfall" oder "Wenn die Sonne stehenbleibt, bekommt man heiße Haare".

Und doch geht es Friebe immer um alles. In "Charity/Therapy", einem der gelungensten Stücke des Albums, formuliert er vor knarzender Soundkulisse in seiner bekannten Spielerei mit dem Naiven die Vorstellung einer befreiten Gesellschaft: "Es ist schön, den Armen was abzugeben / Es ist schön, den Traurigen zuzuhören / Am Schönsten wär, was jedes Leben traurig und arm macht, zu zerstören."

Maximilian Haase

Audio CD
Bewertungausgezeichnet
CD-TitelFuck Penetration
Bandname/InterpretJens Friebe
Erhältlich ab02.11.2018
LabelStaatsakt
VertriebUniversal Music
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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