Musik / CD

Lil Peep: Come Over When You're Sober, Pt.2Das neue Album, ein Jahr danach

Rap ist aktuell relevanter als Rockmusik. Die Zahlen sprechen für sich. Die interessante Frage aber ist: Wie lange wird das noch so sein? Irgendwann könnte Rap in eine ähnliche Retro-Feedbackschleife geraten wie Rock. Dank Sub-Genres wie Emorap passiert das momentan noch nicht. Emorap ist eine Mischung aus Trap-Sounds, Grunge, Pop-Punk und eben Emorock. Der wichtigste Vertreter dieser Stilrichtung war Lil Peep. Unlängst wäre er 22 Jahre alt geworden. Wäre, denn am 15. November 2017 verstarb er an einer Überdosis des Opioids Fentanyl. So geschmacklos das auch klingen mag: Zur Musik passte ein solcher Tod. Sie war selbstzerstörerisch - vertontes Leid. Denn Emorap ist auch geprägt von psychischen und körperlichen Grenzerfahrungen. Lil Peep, der in seiner kurzen Karriere unglaublich produktiv war, hatte noch eine Menge solcher musikalischer Grenzerfahrungen auf dem Laptop. Sein zweites Album "Come Over When You're Sober, Pt. 2" wird nun posthum veröffentlicht.

Allein das ist schon etwas Besonderes. Denn Lil Peep war kein Künstler, der Alben veröffentlichte. Er lud lieber Mixtapes und EPs mit fragil klingenden Songs auf seine Soundcloud-Seite. Emorap, das ist auch ein kontinuierlicher Stream trauriger Songs; Internet-Musik. Der Stream scheint kein Ende zu nehmen, weil an irgendeinem Laptop in irgendeinem Kinderzimmer irgendwo in den USA ganz sicher jemand ultratraurige Songs produziert. Lil Peep hatte viele Nachahmer und Mitstreiter. Seine Musik war DIY und daher leicht zu kopieren. Doch seine Refrains und die Präsenz von Peeps Stimme ließen die Songs aus dem Emo-Stream herausstechen. Die Qualität bei Mixing und Mastering spielte dagegen keine große Rolle. Es ging und es geht um Gefühle. Interessant war außerdem, dass Peep mit der Hypermaskulinität vieler Rapper brach. Gebrechlichkeit war bei ihm plötzlich erlaubt, sogar cool.

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Natürlich geht es auch auf "Come Over When You're Sober, Pt. 2" um Gefühle. Ausschließlich sogar. Und es geht um das, was Gefühlszustände mit einem machen können, wenn sie nicht mehr kontrollierbar sind. Auf "Leanin" singt Peep: "I was trying to die last night, survived suicide last night." Das sitzt, das ist ein Hilfeschrei aus dem Jenseits. Und das ist wieder einer der Hooks, die hängen bleiben, die einem ein Thema einpflanzen, das hart ist. Thematisch sind Lil Peeps Songs kompromisslos geblieben, tieftraurig und manchmal doch voller Hoffnung auf die neue Liebe, nachdem es mit einer Frau wieder beschissen lief. Das ist die gute Nachricht.

Das Problem ist aber, dass Emorap auf diesem Album soundästhetisch ad absurdum geführt wird. Rap findet nicht mehr statt, und das ist auch gar nicht schlimm. Doch der Gesang und die Instrumentale wurden, so fühlt es sich an, auf diesem Album glattgebügelt. Sie haben ihren DIY-Charme verloren und ihr progressives musikalisches Potenzial. Das ist schade, weil völlig unklar ist, ob Lil Peep das Album in dieser Form überhaupt freigegeben hätte. Alternitive-Rock trifft hier auf Grunge-Retromanie, während an modernen Elementen sehr gespart wurde. "Come Over When You're Sober, Pt. 2" verlässt also den Rap-Rahmen, um sich in die Retro-Rock-Feedbackschleife einzugliedern. Das mag funktionieren, aber mit den früheren Glanztaten von Lil Peep hat es nicht mehr viel zu tun.

Johann Voigt

Audio CD
Bewertungakzeptabel
CD-TitelCome Over When You're Sober, Pt.2
Bandname/InterpretLil Peep
Erhältlich ab09.11.2018
LabelSmi Col
VertriebSony Music
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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